Ich langweile mich zu Tode

DasAugelerntmitDer Herbst ist traditionell die Zeit der ersten Enttäuschungen für neue Azubis. Nach der Anfangseuphorie folgt der Praxisschock. Nicht alles läuft so super wie versprochen. Nicht jeder Kollege ist so nett wie vermutet. Der Lack blättert ab. Häufigster Grund, dass auf einmal alles grau in grau aussieht: die große Ödnis. Auch bekannt als Langeweile.  Kaum eine Situation wird von Berufsanfängern mehr gefürchtet.

Nichts so tun zu haben, ist scheußlich, keine Frage. So mancher Azubi ist schwer deprimiert, wenn er nichts zu tun bekommt. Andere reagieren verärgert. So hat man sich das nicht vorgestellt. Schließlich hat man die Ausbildung begonnen, weil man arbeiten wollte. Endlich loslegen. Zeigen, was in einem steckt. Nun zählt man die Minuten. Und die vergehen quälend langsam. Viele Azubis fühlen sich regelrecht gefangen und fragen sich, wie sie das 3 Jahre aushalten sollen.

  • Klar ist: Es ist nicht in Ordnung, wenn es Dir so geht. Es ist wichtig, dass Du Dir nicht selbst die Schuld dafür gibst und alles noch schlimmer wird. Es ist genauso wichtig, dass Du die Situation nicht den Kollegen anlastest. Die sind sich möglicherweise Deiner schweren Situation gar nicht bewusst. Oder sie stehen total unter Druck. Oder kommen schlicht nicht auf den Gedanken, dass sie Dir etwas zu bieten haben. Also Schwamm drüber. Es bringt Dich nicht weiter, wenn Du darauf rumreitest.
  • Klar ist weiterhin: Es muss etwas passieren. Wut und Depression bringen dich nämlich auch nicht weiter. Je mehr Du Dich in miese Gefühle hineinfallen lässt, desto wütender und deprimierter wirst Du.
  • Klar ist auch: Du musst aktiv werden. In vielen Betrieben erwartet man von Azubis, dass sie sich selbst um ihre Belange kümmern.

Beliebte Ratschläge für verzweifelte Azubis: Biete Deine Arbeitskraft im Team an. Und sprich mit Deinem Ausbilder.

Aha. Sehr schöne Ratschläge. Nur: wenn die Lösung so einfach wäre, hättest Du vermutlich kein Problem.

  • Ein Problem hast du erst, wenn Du Deine Arbeitskraft zwei, drei, vier Mal im Team angeboten hast und jeder freundlich lächelnd ablehnt.
  • Ein Problem hast du, wenn Dein Ausbilder Dich vertröstet, ärgerlich wird oder Dir den Spitzentipp gibt, Du sollst Deine Arbeitskraft im Team anbieten.

Dann bist Du wieder am Ausgangspunkt angekommen. Nur dass Enttäuschung und Wut noch größer sind. Um den Teufelskreis zu durchbrechen, musst Du den Blickwinkel wechseln. Betrachte die nutzlose Zeit als freie Zeit. Zeit für Deine persönlichen, beruflichen Ziele.

nichts

Wer unter Langeweile leidet (und es ist wirklich ein Leiden), würde fast alles geben, um nur ja endlich etwas zu tun zu bekommen. Man hofft Tag für Tag auf irgendeine Arbeit, damit der Tag sich nicht wieder wie Kaugummi zieht.

Es ist aber nicht das Ziel Deiner Ausbildung, dass der Tag schnell vergeht. Ziel Deiner Ausbildung ist a) die Abschlussprüfung und b) eine Antwort auf die Frage zu finden: Wohin will ich eigentlich nach der Ausbildung steuern? Wo brennt mein inneres Feuer? Was finde ich so toll, dass ich es gern Jahrzehnte lang tun würde? Spannende Fragen, die Du am besten systematisch angehst.

Zweiter Versuch: Biete Deine Arbeitskraft im Team an. Und sprich mit Deinem Ausbilder. Aber anders.

Alle Azubis an BordNutze Leerlauf, um nach Deinem Berufsziel zu suchen

Denn das ist ja gerade das Tolle an einer Ausbildung. Sie gibt Dir Zeit und Möglichkeiten, auf die Suche nach Deinen Talenten und Interessen zu gehen. Die Chance hast Du nie wieder in dem Maße wie jetzt. Es steht sogar ein ganzes Back-Office für Dich zu Verfügung: Die Kollegen.

Bitte alle Kollegen in der derzeitigen Abteilung um einen Termin für ein Jobinterview. Frage ganz offen, wann sie einmal eine halbe Stunde Zeit haben, um Dir ihr Arbeitsgebiet zu erklären. Die wenigsten werden ablehnen. Bereite das Interview gut vor. Stelle Fragen, die Dich wirklich interessieren und unter die Oberfläche gehen. Dann wird es für beide Seiten ein gutes Gespräch. Eine Vorlage findest Du hier: Jobinterview. Ergänze oder streiche die Fragen nach Deinen persönlichen Vorlieben und Interessen.

Du profitierst von den Interviews in mehrfacher Hinsicht:

  • Du kommst ins Gespräch mit den Kollegen. Dabei wirst Du feststellen, dass einige Dir bisher nur deshalb keine Aufgaben gegeben haben, weil sie glauben, sie hätten nichts Interessantes für Dich zu tun. Das Interview gibt Dir die Möglichkeit, Dein Interesse zu bekunden. Wenn die Rede auf spannende Aufgaben, Projekte, Termine kommt, frage aktiv, ob Du dabei einmal zusehen, mitmachen, mitkommen darfst.
  • Du zeigst, dass Du Verantwortung für Dich übernimmst: Das bringt Dir Sympathie-Punkte hoch zehn.
  • Du erhältst echtes Insiderwissen. Es wird Dir bei der Suche nach Deinem Traumjob helfen.
  • Du bist ein interessanter Gesprächspartner. Wie man in den Wald hineinjodelt so jodelt es zurück. Wenn Du anderen Interesse signalisiert, reagieren sie darauf. (Fast alle). Du wirst sichtbar. Die Kollegen werden Dich zukünftig mehr „auf dem Zettel“ haben.

Nutze Leerlauf, um die Zügel in die Hand zu nehmen.

Manche Ausbilder reden gern von der Holschuld des Azubis. Damit meinen sie, dass Du selbst dafür verantwortlich bist, Dir das Prüfungswissen, Fertigkeiten und Fähigkeiten anzueignen.

Befasse Dich also mit Deinem Ausbildungsrahmenplan. Dort ist genau festgehalten, was Du wann während Deiner Ausbildung lernen sollst. So kannst Du z.B. in Deinen Jobinterviews ganz konkret einhaken. Sage den Kollegen, was Dein Plan vorsieht. Bitte sie einfach: „Können wir das mal zusammen machen?“

Du kannst auch Deinen hauptamtlichen Ausbilder ansprechen oder den Ausbildungsbeauftragten in der Abteilung. Spätestens zur Halbzeit eines Abteilungseinsatzes kann eine Rückmeldung über Deinen augenblicklichen Ausbildungsstand nicht  schaden. Vermeide unbedingt eine vorwurfsvolle Haltung. Zeige Dich lieber lösungsorientiert. Etwa: „Ich habe einmal festgehalten, welche Ausbildungsinhalte mir noch fehlen. Gern würde ich mit Ihnen darüber sprechen, wie ich die Lücken schließen kann. Wann passt es Ihnen?“

So zeigst Du Dich aktiv, verantwortungsvoll und machst gleichzeitig klar, dass Du die Unterstützung Deines Ausbilders benötigst.

Übrigens: Wenn Du die Ergebnisse aus Deinen Jobinterviews und dem Ausbildungsrahmenplan schriftlich festhältst, kannst Du direkt ein kleines Booklet für den nächsten Azubi erstellen. Damit´s ihm besser ergeht als Dir. Aber vermutlich haben Deine Aktivitäten ohnehin dem einen oder anderen Kollegen die Augen geöffnet.

 

2 Kommentare zu “Ich langweile mich zu Tode”

  1. Gregor sagt:

    Hi, ich bin gerade über diesen Artikel gestolpert und musste ihn mir durchlesen, da ich vor einigen Jahren selber von dieser Situation betroffen wahr. (15 Jahre her) Aber auch im Nachhinein muss ich zugeben, dass eure Tipps wirklich gut sind und mir damals eventuell auch geholfen hätten. Meine erste Ausbildung habe ich auf Eis gelegt und mir einen anderen Beruf gesucht in dem ich mich seither wohl fühle. Aber nicht alle haben soviel Glück und finden ihren Traumjob nach Vorlieben und Interessen. Daher halte ich es heutzutage für sehr wichtig, den Ausbildungsplatz zu halten, egal wie schwer es ist.

    Ist ja nicht für ewig. 🙂

    LG Gregor

    • admin sagt:

      Hallo Gregor,

      ja, ja, die Sache mit der Ewigkeit.

      Mit 18 sind die drei Jahre einer Ausbildung tatsächlich eine kleine Ewigkeit. Immerhin ein Fünftel des Lebens.
      Aber das relativiert sich im Laufe der Jahre. 🙂

      Ich sehe das wie Sie und rate Azubis in der Regel zum Durchhalten. Das ist nicht nur gut für den Lebenslauf sondern auch für´s eigene Selbstbewusstsein.

      Viele Grüße
      Stefanie Sohr

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