Was ich Bewerber nicht frage

Es gibt Fragen, die ich in der Bewerberauswahl vermeide, obwohl sie immer wieder in Ratgebern empfohlen werden.

Zum Beispiel: Warum wollen Sie ausgerechnet diesen Beruf erlernen?

Oder auch: Warum wollen Sie ausgerechnet zu uns?

Angeblich sollen die Antworten uns etwas über die Motivation des Bewerbers verraten.

Ich glaube allerdings nicht, dass das so ist. Ich denke, die Antworten verraten nur, wie gut der Bewerber uns Honig um den Bart schmieren kann. Oder ob er einen dieser Ratgeber gelesen hat, die die erwünschten Antworten auf typische Fragen liefern.

Welcher Bewerber hat denn wirklich den einen (Traum)-Beruf im Kopf oder dieses bestimmte Unternehmen im Sinn? Und wieso sollten wir eine derartige Sicherheit überhaupt von Schülern verlangen? Es ist doch so: Die meisten Schüler haben viele Optionen im Kopf. Gibt ja auch viele tolle Sachen, die man machen kann.

Wer will schon ausgerechnet Bürokauffrau werden?

Es gibt derzeit 345 anerkannte Ausbildungsberufe (die dann auch noch unzählige Schwerpunkte und Spezialisierungen aufweisen). Angebot und Anzahl schwanken ständig, da Berufe kommen, gehen, verändert oder umbenannt werden. Wie soll ein Schüler sich da bitte für einen bestimmten Beruf entscheiden?

Ich kann als Schüler vielleicht wissen, ob ich lieber kaufmännisch oder handwerklich arbeite. Aber

  • ob man nun als Industriekauffrau, Speditionskauffrau oder Kauffrau für Bürokommunikation glücklicher wird: Woher soll eine Schülerin das wissen?
  • macht es denn wirklich, wirklich, wirklich einen Unterschied, ob ich Verlagskaufmann, Veranstaltungskaufmann oder Werbekaufmann lerne?

Ehrlich gesagt, kann ich keinen wesentlichen Unterschied erkennen. Dabei habe ich sehr viele Erfahrungen. (So weiß ich zum Beispiel auch, dass Verlagskaufleute gar nicht mehr ausgebildet werden. Der Beruf nennt sich seit 2006 Medienkaufmann. Genauso wie der Werbekaufmann mittlerweile Kaufmann für Marketingkommunikation heißt.)

Also nie vergessen: Ein Schüler hat gar keine Erfahrungen. Er weiß nur das, was wir ihm an Infos zur Verfügung stellen.

Übrigens: Was wir Schülern an Infos zur Verfügung stellen, auf Karriereseiten, Messen, Imagevideos etc. pp. ist viel zu umfassend, als dass jemand den Überblick behalten könnte. Und allzu oft sind die Informationen gar keine Informationen – sondern reines Marketinggeschwurbel, das wenig mit der Realität zu tun hat. Aber das nur nebenbei.

Doch da wir gerade bei Marketing sind: Es gibt nur wenige Berufe mit einem USP oder Alleinstellungsmerkmal. Genauso wie es nur wenige Unternehmen gibt, die tatsächlich Besseres bieten als alle anderen.

Andere Unternehmen haben auch zufriedene Mitarbeiter

Falls sich die Ausbildung in Ihrem Unternehmen deutlich von der Ausbildung bei Mitbewerbern abhebt, mag die Frage berechtigt sein, warum jemand ausgerechnet zu Ihnen will.

Aber mal ehrlich: Ist das so? Gibt es einen Grund, warum ein Azubi bei Ihnen besser aufgehoben wäre, als in einem anderen Unternehmen? Ist es nicht viel mehr so, dass viele Ausbildungsbetriebe sehr gut sind?

Meine Meinung: So lange die ungefähre Richtung bei der Berufswahl hinhaut, ist das genug. Wie gut sich die Azubis dann im Berufsbild einfinden, ist ohnehin eher abhängig von der Ausbildungskultur als von den Inhalten.

So gesehen gehören die Fragen nach dem Wunschberuf und dem Traumbetrieb doch ins Bewerbungsgespräch. Aber die Antworten sollten die Ausbilder liefern und nicht die Bewerber. 

 

 

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