Warum das Einführungsgespräch super-duper-ausführlich ausfallen sollte

Aus Fehlern wird man klug, weiß der Volksmund. Aber ich glaube, das ist nicht immer der Fall. Ich glaube, aus Fehlern wird man nur manchmal klug. Aber genauso oft verunsichert. Manchmal frustriert. Und hin und wieder sogar bis ins Mark getroffen. Darum halte ich es auch für wichtig, den Azubis nicht zu viele Fehler zuzumuten.

Wenn ich mit Fachausbildern über das Einführungsgespräch spreche, kommt immer mal wieder der Einwand, meine Checkliste wäre zu ausführlich. Man müsse das nicht alles am Anfang besprechen, denn die Azubis würden ohnehin mit der Zeit mitbekommen, wie die Abteilung tickt.

Es stimmt. Azubis merken eine ganze Menge mit der Zeit. Und falls nicht, bekommen Sie Ihre Fehler eben aufgezeigt. Manche Azubis können das auch gut ab. Andere beschäftigen sich allerdings ohnehin rund um die Uhr damit, Unzulänglichkeiten an sich festzustellen. Da haben ihnen vermeidbare Fettnäpfchen gerade noch gefehlt.

Azubis spüren, wenn sie sich falsch verhalten. Und finden das peinlich. 

Wer erlebt schon gern, dass er sich falsch verhält? Azubis geht es genauso wie uns. Man möchte nicht negativ auffallen. Nicht wenigen Azubis ist es sogar peinlich, überhaupt in irgendeiner Art und Weise aufzufallen. Das ist abhängig vom Reifegrad der Azubis.

Junge Menschen unterliegen oft einer permanenten Selbstbeobachtung. Sie glauben, dass alle Augen der Welt auf sie gerichtet wären. Sie fühlen sich wie auf einer Bühne. Das kann toll sein. Man fühlt sich besonders. Es kann aber auch schwer sein. Denn in dieser Position werden die kleinsten Missgeschicke zu Dramen.

„Oh, mein Gott, ich habe einen Löffel in der Kantine fallen lassen. Es war ja so peinlich.“

Solche Aussagen kennt man von jungen Menschen. Die meisten von uns empfanden ähnliches als Jugendliche.

Azubis haben Befürchtungen. Manchmal über die Maßen.

Wenn ich Fehler bei der Arbeit mache, denke ich: Mist. Und gehe dann zur Tagesordnung über. Ich finde Fehler nicht toll, aber ich halte sie auch nicht für einen Weltuntergang. Schließlich weiß ich, dass ich meinen Job generell drauf habe.

Ein Azubi weiß das aber nicht zwangsläufig. Er hat nicht genügend Erfahrungen, um sich seiner selbst bewusst zu sein. Er hat vielleicht schwierige Erlebnisse im Gepäck und denkt: Jetzt stelle ich mich schon wieder genauso blöd an wie in der Schule. Er möchte gern einen guten Eindruck machen und fürchtet, ein Fehler könnte den Eindruck verderben.

Azubis sind oft streng mit sich. Das zeigt sich, wenn man sie auffordert, sich einmal selbst zu beurteilen. In der Regel bewerten sie ihre Leistungen schlechter, als ihre Ausbilder es tun. Sie halten ihre Talente „für nicht besonderes“ und ihre Fehler für unentschuldbar.

Azubis machen Fehler. Und nehmen sie schwer.

aufdemMarsDer Alltag eines Azubis besteht aus vielen, vielen kleinen Situationen, in denen er nicht 100%ig perfekt agiert.

  • Morgens ein Flüchtigkeitsfehler in der Fachaufgabe.
  • Mittags ein Smalltalk mit der Führungskraft, bei dem man sich  als wenig schlagfertig erlebt.
  • Nachmittags drei Schreibfehler im Berichtsheft.
  • Kurz vor Feierabend noch ein  Anrufer, dem man nicht weiterhelfen kann.

So sieht ein ganz normaler Tag für einen Azubi aus. Kein Beinruch. Aber trotzdem erst einmal etwas, das man wegstecken muss. Die gleichzeitigen Erfolge scheinen dann weniger bedeutsam.

Ausbilder sollten helfen, vermeidbare Fehler zu minimieren. Jedes Fettnäpfchen, das im Einführungsgespräch besprochen wird, kann umgangen werden. Jedes Fettnäpfchen, das umgangen wird, lässt Platz für ein hilfreiches Erfolgserlebnis.

 

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