Bewerbermangel? Find ich gut.

Auf diese Seiten geraten viele über eine Suchmaschine. Praktischerweise kann ich sehen, wonach Sie auf der Suche waren.  So weiß ich, was Sie umtreibt. „Ich finde keine Azubis“ oder „Wie finde ich Azubis?“ sind häufige Suchanfragen. Ganz wie im richtigen Leben.

Noch nie sind mir so viele Plakate und Flyer ins Auge gefallen wie zur Zeit. Ich entdecke sie in Super-, Bau-, Technik- und Drogeriemärkten, Hotels, Banken, Versicherungen, Restaurants, bei Ärzten, Friseuren, Floristen – alle, alle scheinen auf der Suche nach Azubis zu sein. Tendenz: Explosionsartig.

Der vielzitierte demographische Wandel – er hängt uns mittlerweile zu den Ohren raus – und ist definitiv angekommen in der Wirtschaft. Zum Glück, sage ich.

 

Der Bewerbermangel ist real: Und das ist auch besser so

Damit will ich die Probleme für Ausbildungsbetriebe nicht kleinreden. Aber sie sind mir lieber als die Probleme, die ich früher für den Nachwuchs gesehen habe. Das war doch fürchterlich, als wir noch viel zu viele Bewerber hatten. Wer damals schon mit Ausbildung beschäftigt war, wird sich erinnern, wie oft er richtig tolle Bewerber nicht berücksichtigen konnte. Das tat einem oft genug in der Seele weh.

Ich kann mich noch gut an die Suchanzeige eines bekannten Schnellrestaurants erinnern. Das mag so 2004 oder 2005 gewesen sein. Sie kennen es sicher; die  Tabletts sind mit  Papier ausgelegt, das für Unternehmensinfos genutzt wird. Per Tablett-Papier wurden so auch Bewerber für eine Ausbildung zur Fachkraft für Systemgastronomie gesucht. Ausbildungsinhalt (und das wurde nicht einmal schön geredet): in der Filiale Burger verkaufen. Gewünschte Qualifikation: Realschule oder Abitur. Das fand ich damals unter aller Kanone. Aber der Markt erlaubte es offensichtlich.

Es ist gut, dass die Zeiten vorbei sind, in denen nur den allerbesten Schülern tolle Chancen geboten wurden. Nun kann sich die Berufsausbildung wieder auf ihre originäre Aufgabe konzentrieren. Ausbilden bedeutet, Menschen zu qualifizieren. Gerade die mit weniger fabelhaften Schulkarrieren. Ausbilden ist eine Investition in die Zukunft. Und keine Bereicherung an jungen Menschen, die keine Lobby haben. 

 

Der Bewerbermangel ist komplex: Und er geht jeden an

Große Unternehmen haben es leichter als kleine. Ländliche Regionen stehen einer größeren Herausforderung gegenüber als Metropolen. Es gibt Modeberufe und solche, die für manche junge Menschen „gar nicht gehen“. Doch spürbar ist der Bewerbermangel überall.

Die Demographie wirbelt nicht nur den Ausbildungsbereich durcheinander. Die gesamte Bildungslandschaft verändert sich.

TV

TV-Tipp: Einen guten Überblick über die vielfältigen Herausforderungen vermittelt die 3 SAT-Dokumentation „Der Kampf um die besten Köpfe“. Als Ausbilder unbedingt anschauen!

 

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Der Bewerbermangel bietet Chancen: Auch für Ausbilder

Eins ist klar: Bestenauslese war gestern. Heute kommt es auf Passgenauigkeit an. Und damit schlägt die Stunde für die Strategen unter den Ausbildern. Nachwuchsgewinnung ist nicht mehr „nice to have“ sondern betriebswirtschaftliche Notwendigkeit. Das sind sehr gute Voraussetzungen, um einmal alles Gewesene auf den Prüfstand zu stellen.

  • Wen brauchen wir eigentlich morgen im Unternehmen?
  • Welche Qualifikationen müssen Bewerber zwingend mitbringen?
  • Welche können wir als Teil der Ausbildung entwickeln?
  • Wo finden wir die richtigen Bewerber?
  • Wie finden die Bewerber (zu) uns?
  • Auf welche Ressourcen können wir zugreifen und wie unterstützen wir diejenigen, die an der Ausbildung beteiligt sind?

Das sind große Fragen. Die beantwortet man nicht mal so nebenbei. Ausbildung kann schon heute nicht von jemandem „mitgemacht“ werden. Schon gar nicht von jemandem, der ohnehin viel zu viel zu tun hat. (Es passiert dennoch; aber das ist ein anderes Thema). Es werden wohl einige Ausbildungsbetriebe umdenken müssen. Der Zeitpunkt ist gut, um über Budgets und/oder Stellen zu sprechen.

Die Budgets wollen natürlich für das Richtige investiert werden. Wichtiger als ein über die Maßen aufregender Messe- oder Internetauftritt sind den Jugendlichen gute Ausbildungsinhalte. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von u-Form Testsysteme, an der 1.155 Ausbildungsverantwortliche, Auszubildende und Schüler teilgenommen haben.

Ausbildungsbetriebe überschätzen zum Beispiel die Bedeutung der Leistungen während der Ausbildung sowie des Unternehmensimages für die Wahl eines Ausbildungsbetriebs durch die Azubis. Sie unterschätzen die Relevanz der Faktoren „Jobsicherheit“ sowie „Ausbildungsberufe und Arbeitsinhalte“ für die Azubi-Kommunikation. Informationen zu „Ausbildungsberufen und Arbeitsinhalten“ erreichen bei 93% der Azubis einen hohen bis sehr hohen Wert – bei den Ausbildungsbetrieben sind es nur 67%.

Quelle: Das Ende der Bescheidenheit

 

Unsere Jugend ist also weitaus weniger oberflächlich als ihr Ruf. Wenn das mal keine tolle Nachricht ist!

Langfristig wird die Herausforderungen des Bewerbermangels  nur meistern können, wer sich auf die Ausbildungsqualität konzentriert. Ausbildung muss Freude bringen. Sie darf keine Sackgasse darstellen. Sie muss wichtig genommen und professionell aufgezogen werden.

Das wussten Sie längst? Na klar. Aber jetzt haben sie endlich die Ökonomie auf ihrer Seite. Ist doch prima!

 

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