Beurteilungsbögen entwickeln I

Ein gut gemachter Beurteilungsbogen ist so ungefähr das Beste, was Ausbildern, Azubis und Ausbildungsbeauftragten passieren kann. Ein Beurteilungsbogen ist gut, wenn

  • Sie aussagekräftige Rückmeldungen über den Entwicklungsstand Ihrer Azubis erhalten,
  • die Ausbildungsbeauftragten den Bogen als hilfreiche Grundlage für Entwicklungsgespräche sehen,
  • die Auszubildenden die Gespräche nicht als Verurteilung sondern konstruktives Feedback erleben.

Beispiele für Beurteilungsbögen findet man im Netz viele. Gleich die erste Suchmaschine liefert mir 4.230 Suchergebnisse, so dass man eigentlich auch nicht schlauer ist als zuvor. Darum ist es auch gar nicht schlecht sich von Mustervorlagen frei zu machen. Viele Vorlagen beinhalten eh die Stolpersteine, von denen ich immer wieder in Seminaren höre.

Die richtigen Beurteilungskriterien finden

Die Kriterien nach denen Azubis beurteilt werden, scheinen häufig überladen und relativ willkürlich gewählt. Die Begrifflichkeiten sind schwammig oder bieten zu große Interpretationsspielräume.

Ganz schön anspruchsvoll: Konfliktbereitschaft, Teamfähigkeit, Kritikfähigkeit…

Das sind natürlich alles tolle persönliche Eigenschaften. Aber es ist auch echt die Königsklasse: Selbst gestandene Mitarbeiter (und Führungskräfte!) müssen permanent an sich arbeiten, um diese Ziele zu erreichen. Für Auszubildende darf´s ruhig eine Nummer kleiner sein.

Zumal Ausbildungsbeauftragte auch immer wieder berichten, dass diese Kriterien im Ausbildungsalltag gar nicht besonders häufig zum Tragen kommen. Die Ausbildungsbeauftragten haben dann das Gefühl, sich „irgendetwas aus den Fingern saugen zu müssen“. So werden Beurteilungen mühe- statt sinnvoll.

Das ist auch der Fall, wenn die Kriterien sich nicht genügend voneinander abgrenzen.

Immer das Gleiche: Interesse, Lernbereitschaft, Motivation oder Selbstständigkeit und Eigenverantwortung…

Ja, natürlich, man kann Beispiele konstruieren, in denen Eigenverantwortung ein bisschen etwas anderes meint als Selbstständigkeit oder Interesse sich ein wenig von Motivation unterscheidet. Aber letztlich bleibt das konstruiert. Ausbildungsbeauftragte können sich dann im Gespräch nur wiederholen und ähnliche Beispiele bringen. Logisch, dass das vielen schwer fällt.

Auch weil persönliche Einstellungen nicht zweifelsfrei beobachtbar sind. Ob ein Azubi z.B. Interesse am Arbeitsinhalt hat, kann nur vermutet werden. Wir können ja nicht in ihn oder sie reinschauen.

Gute Kriterien zeichnen sich dadurch aus, dass sie für einen Berufsanfänger relevant und angemessen sind sowie leicht beobachtbar. Dann haben Ihre Ausbildungsbeauftragten eine Chance, sich wirklich eine Meinung zu bilden, die sie auch vertreten können.

Total wichtig für Berufsanfänger und gleichzeitig sehr leicht zu beobachten sind einfache Kriterien wie

  • Ordnung am Arbeitsplatz

Dazu hat jeder eine Meinung. Zwar werden unterschiedliche Meinungen unter den Ausbildungsbeauftragten darüber herrschen. Es ist aber ganz leicht für jeden Einzelnen dem Azubi im Einführungsgespräch zu sagen: „Mit Deiner Ordnung am Arbeitsplatz bin ich zufrieden, wenn Dein Schreibtisch so und so und so … aussieht.“

Dann ist es ganz einfach für den Azubi, zielgerichtet daran zu arbeiten, eine gute Bewertung für „Ordnung am Arbeitsplatz zu erhalten. Er weiß genau, wie der Schreibtisch dafür aussehen muss.

Es ist auch ganz einfach für den Ausbildungsbeauftragten im Laufe des Einsatzes zu beobachten, ob der Azubi die Erwartungen erfüllt. Er muss nur gucken, ob der Schreibtisch so aussieht wie abgesprochen.

Es ist auch ganz einfach im Abschlussgespräch zu begründen, wie zufrieden der Ausbildungsbeauftragte mit dem Gezeigten war.

Weitere Beispiele für relevante, einfache Kriterien:

  • Pünktlichkeit
  • Termintreue
  • Sorgfalt
  • etc. pp

Mit einfachen Kriterien befreien Sie Ihre Ausbildungsbeauftragten auch von der größten Sorge: Die Einsatzdauer ist meistens viel zu kurz, um gewichtige Themen zu beurteilen.

Steht mir das überhaupt zu: Sozialverhalten, Transfervermögen, Auffassungsgabe..

Viele Ausbildungsbeauftragte möchte nicht nach 2 Wochen einen Stab über den Azubi brechen. Man hat ja nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Verhaltensrepertoire des Azubis kennengelernt. Es gibt so viele Unwägbarkeiten: Waren die Rahmenbedingungen ok? Geht es dem Azubi generell gerade gut? Darüber machen sich Ausbildungsbeauftragte Gedanken.

Brechen Sie gewaltige Kriterien lieber herunter. Wenn das angestrebte Ziel nicht in einem Wort zu fassen ist, kann man auch ruhig einen Satz formulieren.

Fazit: In Beurteilungen für Auszubildende ist weniger mehr

Sie werden es vermutlich nicht schaffen einen Heranwachsenden in 2,5 Jahren zu einem kritikfähigen, konfliktfähigen, teamfähigen, kundenorientierten, motivierten, selbständigen Mitarbeiter zu entwickeln.

Sie können es allerdings gut schaffen, Ihrem Azubi die Bedeutung von Verlässlichkeit, Reflexionsvermögen, Lernbereitschaft zu vermitteln – und ihm das Selbst-bewusstsein geben, das für eigene Entwicklungsziele notwendig ist.

 

 

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