Was eine Ausbildung besser macht als ein Studium

Es gibt eine Sache, die können Sie viel, viel besser als jede Universität. Zufällig treibt das, was Sie besser können, die Jugendlichen heute mehr um als jedes andere Thema. Ich spreche von Orientierung. Also im beruflichen Sinne. Eine Antwort auf die Frage aller Fragen: Was stelle ich mit meinem Leben an?

Vor einigen Tagen sprach ich mit der Vertreterin eines Verbandes über die sprunghafte Erhöhung der Studierendenquote. Immer mehr Schulabgänger gehen studieren. Folglich absolvieren immer weniger eine Ausbildung. Gleichzeitig sinken die Schülerzahlen. Somit bleiben noch weniger Schulabgänger für die Ausbildung übrig. Kein Wunder, dass inzwischen viele Betriebe Schwierigkeiten haben, Azubis zu finden.

Wir waren uns einig: Studieren ist toll – wenn es aus den richtigen Gründen geschieht. Nicht so gute Gründe für ein Studium wären z.B.:

  • Meine Eltern finden das gut.
  • Ich fürchte, ohne Studium keine Karrierechancen zu haben.
  • Ich weiß nicht, was ich wirklich machen möchte – darum studiere ich erst einmal.

Mit den Eltern ist das so eine Sache. Einerseits ist es schön, wenn Eltern sich mit der Zukunft ihrer Kinder auseinandersetzen. Andererseits klingt es für mich sehr seltsam, dass Unis mittlerweile Elternabende einrichten. Aber wie auch immer man dazu steht: Vermutlich stehen bei den Eltern ganz ähnliche Fragen und Ängste im Vordergrund wie bei den Schülern.

  • Vermutlich fürchten viele Eltern, dass ihr Kind ohne Studium keine Karrierechancen hat.
  • Vermutlich sind viele Eltern überfordert von den unzähligen Möglichkeiten der Berufswahl.

Bei beiden Punkten können Ausbildungsbetriebe gut ansetzen. In beiden Punkten kann eine Berufsausbildung dem Studium überlegen sein.

Meiner Erfahrung nach gibt es unter den jungen Erwachsenen zwei große Fraktionen:

  1. junge Menschen, die ein großes Sicherheitsbedürfnis verspüren und
  2. junge Menschen, die sich einfach nicht entscheiden können.Beide Fraktionen sind in einer Ausbildung besser aufgehoben – wenn der Ausbildungsbetrieb sich mit den relevanten Fragen auseinandersetzt.

1. Karrierechancen für Azubis

Ein Universitätsabschluss war noch nie die perfekte Lebensversicherung. Und wird es in Zukunft noch weniger sein. Wenn mehr Leute studieren, ist ein Studium zwangsläufig weniger wert. Zwar ist die Arbeitslosenquote bei Absolventen niedrig, doch die Zahl der Geringverdiener mit Studium steigt.

Was aber noch viel wichtiger ist: Anders als eine Uni kann ein Betrieb Karrierechancen garantieren.

Sie haben es eben selbst in der Hand, Arbeitsplätze einzurichten und/ oder anzubieten. Sie können Programme zur Weiterentwicklung oder Laufbahnplanung auflegen. Sie können offen sein dafür, auch Mitarbeiter ohne Studium aufsteigen zu lassen. Oder ein berufsbegleitende Studium ermöglichen. Kurz:

Ausbildung kann Sicherheit geben. 

(Nebenbei: Da sind richtig große, strategische Gedanken gefragt. Eine spannende Aufgabe für Ausbilder.)

2. Berufsorientierung

„Erst mal zu studieren“, weil man nicht weiß, was man sonst machen soll, bringt eigentlich nichts. Die meisten Studiengänge sind heute dermaßen durchgetaktet, dass ein Blick über den Tellerrand gar nicht möglich ist. Es gibt Präsenzpflicht, ziemlich viele Klausuren und es ist ein bisschen so, als würde man drei weitere Jahre zur Schule gehen – um sich mit einem einzigen Fach zu beschäftigen.

Bestimmt weiß man nach 3 Jahren ganz gut, ob man sich wirklich für eine Fachrichtung interessiert oder nicht. Aber das ist auch alles, was man weiß. Ob die Fachrichtung auch in der Praxis spannend wäre, das hat man leider nicht herausgefunden. 

„Erst mal eine Ausbildung“ hat da schon mehr Vorteile:

  • Azubis lernen die Realität kennen. Unterschiedlichste Arbeitsplätze und Arbeitsformen. Selbst wenn der Ausbildungsberuf sich nicht als das Nonplusultra erweist, ist eine Ausbildung gewinnbringend.
  • Azubis haben Ausbilder, die sich intensiv mit ihnen auseinandersetzen. Die gemeinsam mit den Azubis an der Frage arbeiten: Wo gehts lang?!
  • Azubis haben unterschiedlichste Kollegen, die ihnen wertvolles Feedback über Talente und Lernfelder geben.
  • Azubis können sich andere Jobs als nur den eigenen anschauen. Vielleicht ist ein ganz anderer Job im Unternehmen viel spannender als der jeweilige Ausbildungsberuf. Vielleicht ist es sogar genau der Job, nach dem man immer gesucht hat. Prima. Jetzt ist man gleich am richtigen Ort, um zu erfahren: wie kriege ich so einen Job!

Nichts davon kann ein Studium bieten. Als Ausbildungsbetrieb gilt es, diese Vorteile auszubauen. Und natürlich: damit zu werben. Klappern gehört zum Handwerk, wie wir alle wissen.

Ich würde meine Hand dafür ins Feuer legen, dass die Bewerberzahlen in die Höhe schnellen, wenn man die Themen Sicherheit und Orientierung in den Mittelpunkt seiner Kampagnen rückt.   

Ob die Azubis dann auch langfristig bleiben, ist eine ganz andere Frage. Aber das Gute ist: Das hat man als Ausbildungsbetrieb mal wieder selbst im Griff.

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