Das Lehrgespräch

Mein Diplom in Betriebswirtschaft habe ich unter anderem dem besten Mathe-Dozenten der Welt zu verdanken. Er kennt mich nicht. Denn ich war nur eine von Hunderten, die zum Studienbeginn mit Herzklopfen zur ersten Mathevorlesung gingen. Bis dahin war ich nämlich ein relativ hoffnungsloser Fall in Mathematik gewesen.

Manni Hansen (der beste Mathe-Dozent der Welt) eröffnete uns in der ersten Vorlesung, dass er die kommenden zwei Monate nutzen würde, um uns vom Grundschul- auf Abiturwissen zu bringen. Das war ein sportliches Ziel. Aber tatsächlich ist es genauso gelaufen. Das Wunderbare: Alle Studenten verstanden in zwei Monaten, was sie in 13 Jahren vielfach nicht verstanden hatten.

Dabei waren die Voraussetzungen nicht ideal. 200 Leute eingepfercht in einen zu kleinen Raum ließen zum Beispiel gar keine Möglichkeit, individuell auf die Studenten einzugehen.

Wie hatte Manni Hansen das also gemacht?

Ganz grundsätzlich hatte Herr Hansen vor allen Dingen eines verstanden: Ob die Studenten folgen konnten, lag nur zur Hälfte an ihnen selbst. Die andere Hälfte war sein Part. Die Aufgabe des Lehrenden besteht darin, das Wissen gut aufzubereiten. Der Lernerfolge der Azubis sind immer zur Hälfte die Erfolge der Ausbilder. Ebenso sind die Misserfolge von Azubis immer zur Hälfte die Misserfolge der Ausbilder.

Herr Hansen sagte uns gleich zu Beginn, was wir von ihm zu erwarten hatten. Nach 2 Dingen konnte man quasi die Uhr stellen:

1. Alle 5 Minuten kam es zur Interaktion

2. Alle 20 Minuten konfrontierte er unsere Gehirne mit etwas völlig anderem

Die 5-Minuten Regel

Beim Zuhören müssen ziemlich viele Dinge stimmen, damit es gelingt. Sobald etwas unsere Konzentration stört, sind wir raus. Ein Vogel zwitschert am Fenster vorbei, der Magen knurrt, ein privater Gedanken kommt einem in den Sinn – all diese Dinge können dazu führen, dass wir den Faden verlieren.

Unsere Merkfähigkeit ist begrenzt. Überfordern Sie Ihren Azubi, wird er ziemlich schnell die Segel streichen. Er lässt Ihren Redefluss über sich ergehen. Weil es hoffnungslos ist, sich alles zu merken, steigt die Gefahr, dass er sich gar nichts merkt.

Weiß ich als Zuhörer, dass ich nur eine bestimmte Spanne gefordert bin, gelingt es mir besser, am Ball zu bleiben.

Wenn Sie sich angewöhnen, ihre Erklärungen nie länger als 5 Minuten ausufern zu lassen, ist das schon mal die halbe Miete. Streuen Sie danach eine Frage ein, zeigen Sie ein Bild, bitten Sie den Azubi irgendetwas zu tun oder zu wiederholen. Damit geben Sie dem Azubi die Möglichkeit zur Reflexion. Das neue Wissen verfestigt sich quasi im Alleingang.

Die 20-Minuten Regel

Mein Studium ist viele, viele Jahre her. Ich kann mich aber heute noch an diverse Anekdoten erinnern, mit denen Manni Hansen uns Atempausen verschaffte. Alle 20 Minuten verließ er die Mathematik und konfrontierte uns mit etwas komplett Anderem.

Wir sprachen darüber, dass die Biene juristisch als wilder Wurm gilt. Oder wunderten uns gemeinsam wie wenig lautmalerisch unsere Sprache manchmal ist (sein Beispiel war das Wort wirsch. Zwar bezeichnet es das Gegenteil von unwirsch, klingt aber ganz und gar nicht freundlich).

Wir haben viel gelacht, wenn Manni Hansen ausholte. Wir haben gerne mitgedacht und diskutiert. Und dann waren wir wieder bereit für nächsten 5 Minuten intensiver Mathematik.

Ich konzipiere bis heute meine Seminare so, dass alle 20 Minuten ein thematischer oder didaktischer Wechsel stattfindet. Lassen Sie Ihre Lehrgespräche also nie länger als 20 Minuten dauern.

Und vergessen Sie das wichtigste nicht. Lehrgespräche heißen nicht umsonst Gespräche. Ein Vortrag ist kein Lehrgespräch sondern ein Monolog.

PS.: Meine wichtigste Klausur – die Klausur, für und bei der ich am allermeisten gelernt habe – schrieb ich übrigens in Soziologie. Was daran so besonders war, erzähle ich dann im nächsten Beitrag.

 

 

 

 

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