Der Ausbilder als Coach?

Der Ausbilder als Coach. Das klingt erst einmal sehr schön frisch. Allerdings beißt sich die Kernidee des Coachings mit der Ausbilderrolle. Ein Coach unterstützt seinen Coachee darin, den persönlichen Erfolg eigenverantwortlich zu erreichen. Ein Coach macht keine Ansagen sondern stellt Fragen. Er aktiviert Kräfte und Kompetenzen seines Coachees, ohne zu werten oder sogar Ziele vorzugeben. Die innere Haltung eines Coaches hat viel mit Loslassen zu tun. Ein Coach traut seinem Coachee zu, am besten über sein eigenes Leben bescheid zu wissen.

Sie merken schon: Coaching eignet sich nicht in allen Fragen der Ausbildung. Und nicht für alle Azubis. Es gehört auch Reife dazu sich coachen zu lassen. Ein Ausbilder legt seine Ausbilderrolle nie ab. Die Rolle des Bewerters und Entscheiders bleibt erhalten. Auch wenn sie geradezu das Gegenteil vom Coaching ist, darf die Führungsfunktion nicht verschleiert werden.

Ob unter diesen Voraussetzungen Coaching gelingen kann, hängt von verschiedenen Bedingungen ab.

1. Das Wichtigste: Haben Sie erkannt und akzeptiert, dass die Förderung der Azubis genauso zu Ihrem Job gehört, wie die Erfüllung inhaltlicher Aufgaben? 

Die meisten Ausbilder würden dies mit JA beantworten. Nicht alle sind allerdings bereit, hieraus auch Konsequenzen zu ziehen; also genügend Zeit und Energie in die Rahmenbedingungen zu stecken. Es nützt den Azubis nichts, wenn der Ausbilder eine coachende Haltung an den Tag legt – sich aber nicht um die Ausbildungskultur im Unternehmen kümmert.

2. Coaching erfordert immer Handlungs- und Entscheidungsspielräume für den Azubi. Denn wo es nichts zu entscheiden gibt, findet auch kein Coaching statt. Als Ausbilder sollte man sich hüten, scheinbares Coaching einzusetzen; nach dem Motto: „Ich coache meinen Azubi jetzt so, dass er selbst auf die richtige (also meine) Lösung kommt.“

3. Werte- und Menschenbild: Begegnen Sie Ihren Azubis mit einem positiven Menschenbild? Vermitteln Sie Zuversicht und machen Sie Mut? Oder ist Ihre Grundhaltung eher vorsichtig, vielleicht sogar misstrauisch oder pessimistisch? (Nicht, dass das grundsätzlich schlimm wäre. Es ist bloß keine gute Grundlage zum Coaching). Wenn die vertrauensvolle innere Haltung fehlt, wird das Coaching für einen Azubi leicht zur Belastung. Traut ein Ausbilder seinem Azubi nicht zu, auf Augenhöhe zu agieren, ist ein Coaching nicht angebracht. Sie laufen sonst in Gefahr, Ihre eigenen (negativen) Vermutungen auf den Azubi zu übertragen.

4. Haben Sie genügend Zeit? Coaching ist zeitintensiv. Eine coachende Ausbildung bedeutet viele, viele Einzelgespräche mit den Azubis zu führen. Bevor Sie diese Zeit zur Verfügung stellen, müssen Sie zunächst Ihre Managementaufgaben erledigt haben. Die schönste Beratung nützt wenig,

  • wenn klare Ziele für die Azubis fehlen.
  • keine langfristige Strategie erkennbar ist.
  • Entscheidungen nicht getroffen werden.
  • Einsätze nicht gut laufen.
  • Ausbildungsbeauftragte in den Fachabteilungen nicht Feedback geben (können).
  • das Klima ganz einfach nicht stimmt.

5. Entspricht die Coching-Haltung Ihren PE-Projekten? Oft wird von den Azubis verlangt, sich (selbstständig) weiterzuentwickeln, aber keineswegs durch entsprechende PE-Projekte gezielt gefördert. Wie wird bei Ihnen gelernt? Gibt es ernst gemeinte und professionelle Beurteilungsgespräche, Fortbildung für alle an der Ausbildung beteiligten, initiieren Sie Lerngruppen etc.?

6. Bilden Sie sich regelmäßig weiter? Als Ausbilder auch Coach zu sein, erfordert ein bestimmtes Maß an Beratungs- und Gesprächskompetenz. Die Kompetenzen sind nicht einfach nur innere Einstellung. Sie müssen auch gelernt werden.

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