Ein klassisches Eigentor

Viele Ausbilder kennen das: Manche Azubis fragen einfach nicht nach, wenn sie etwas nicht verstehen. Sie vertuschen vielmehr ihre Wissenslücken. Dass es sich dabei um eine selbstschädigende Verhaltensweise handelt, ist klar. Und doch ist es nicht für jeden Azubi einfach auf Knopfdruck zu ändern. Selbst wenn er versteht, dass ihm ohne Nachfragen wichtige Inhalte verborgen bleiben, kann er doch fühlen, dass fragen peinlich ist. Selbst wenn er weiß, dass Sie ihm bei Fragen nicht den Kopf abreißen, kann es ihm doch an Mut zum Fragen fehlen. Denn hinter der Scheu vor dem Fragen, stehen oft tief verinnerlichte Ängste und negative Erfahrungen.

Gelernt werden Verhaltensweisen, die zu wünschenswerten Ergebnissen führen. In einer neuen und für uns nicht überschaubaren Situation werden dabei verschiedene Wege eingeschlagen. Der erfolgreichste wird schließlich gelernt und beibehalten. Viele Fertigkeiten werden durch dieses Lernen nach Versuch und Irrtum erlernt. Und manchmal lernt ein junger Mensch auf diese Weise eben auch: Es ist besser, wenn ich nicht nachfrage/ mir keine Blöße gebe. Lernhemmnisse entstehen z.B. durch überkritische Bezugspersonen im Elternhaus, Kindergarten, Schule, Kirche oder anderen Gruppen.

Grundsätzlich lassen sich zwei grundverschiedene Reaktionsweisen unterscheiden.

  • Manche Azubis werden bei ihren Lernversuchen so irritiert, dass sie wütend aufgeben.
  • Andere werden durch Irrtümer so angespornt, dass Sie ihre Anstrengungen verdoppeln.

Früher oder später werden sie zum Ziel kommen und dadurch in ihrer Hartnäckigkeit bestätigt. Bei den nächsten Herausforderungen werden sie deshalb ähnlich reagieren.

Azubis, die schnell aufgeben, gewinnen dagegen die Überzeugung, dass sie sich in neuen Situationen, bei neuen Aufgaben, nicht zurechtfinden und werden versuchen, diesen in Zukunft aus dem Wege zu geben.

Ausbildungsbeauftragte können beobachten: Die Angst vor Fehlern, vor Kritik, vor einer Blamage lähmt viele Azubis und hindert sie, offene Fragen zu stellen oder auf Unklarheiten hinzuweisen. Sie ziehen es vor, nichts zu sagen, um nichts Falsches zu riskieren – und kommen deshalb nicht weiter. Diese Scheu kann mittelfristig abgebaut werden.

Dafür reicht es nicht, einfach nur in den Raum zu werfen: „Du kannst mich jederzeit fragen“ oder „Es gibt keine dummen Fragen“. Denn oft genug machen Azubis die Erfahrung, dass sie eben nicht jederzeit fragen können. Kaum ein Ausbilder ist immer ansprechbar. Und es gibt auch sehr wohl „dumme“ Fragen. Bzw Ausbilder die sagen: „Naja, wenn ich es schon drei Mal erklärt habe, sollte der Azubi es irgendwann verstehen“. Azubis erleben das häufiger, als Ausbilder es wahrhaben wollen. Und manchmal reicht schon ein winziges Zucken im Gesicht des Ausbilders, damit der Azubis sich blamiert fühlt.

Machen Sie es lieber anders herum. Gewöhnen Sie sich an, nach jeder längeren Erklärung selber Fragen zu stellen. So gehen Sie sicher, ob der Azubi sie verstanden hat. Er muss viele Male erleben, dass Sie sanft reagieren und es kann ganz natürlich finden, wenn etwas nicht sofort kapiert wird.

In der Arbeit mit Gruppen ist es schön sich anzugewöhnen, die hartnäckig Fragenden ausdrücklich zu loben. Heben Sie hervor, wie wichtig es ist, wenn sich einer intensiv mit dem Stoff auseinander setzt. Verdeutlichen Sie, dass der Fragende eine wichtige Aufgabe für die Gruppe übernimmt. Er zeigt Ihnen, wo weitere Erklärungen angebracht sind.

Stellen Sie sich die Erfahrungswelt Ihres Azubis wie eine Wiese vor. Negative Reaktionen auf Verständnisschwierigkeiten sind wie festgetretene Trampelfade. Es braucht Zeit, bis dort wieder etwas wächst. Die neuen Wege (positive Erfahrungen) nachhaltig anzulegen, muss der Azubi hundertfach laufen, bevor der neue Pfad sichtbar bleibt.

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