Der Ausbildungsbeauftragte des Grauens

Dieser Text ist für Azubis, die in unterschiedlichen Abteilungen eingesetzt sind. Ausbilder und Ausbildungsbeauftragten dürfen mitlesen. Das geschieht jedoch auf eigene Gefahr. Ich schreibe nämlich über etwas, das nach Meinung vieler Ausbilder gar nicht existiert. Aber es gibt sie: Die Ausbildungsbeauftragten des Grauens! 

Und beinahe jeder Azubi lernt mindestens einen im Laufe seiner Ausbildung kennen.

Du auch? Oder steht die Bekanntschaft noch aus? Wenn Du Pech hast, gibt es von seiner Sorte gleich zwei, drei in Deinem Betrieb. Hast Du Glück, musst Du nicht allzu oft oder lange mit ihm arbeiten. Mag sein, dass er in Eurem Unternehmen bekannt für seine Macken ist. Mag sein, er versteckt sein Un-Wesen geschickt.

Ich spreche von dem Ausbildungsbeauftragten, der Dich richtig blöd findet. Und das auch zeigt. Ich meine nicht den Ausbildungsbeauftragten, mit dem Du mal aneinander rasselst. Oder den, der kritisch und streng ist. Oder den, mit dem Du Dich weniger gut verstehst, als mit anderen.

Nein, ich meine den, der Dich so doof findet, dass Du selbst ins Grübeln kommst, ob Du vielleicht doof bist. Der, dem Du nichts – aber auch gar nichts – recht machen kannst. Der Dich von Grund auf ablehnt, ohne dass Du dahinter kommst, wieso.

FurchtNatürlich dürfte es den eigentlich gar nicht geben. Und trotzdem kannst Du davon ausgehen, dass Du ihn kennenlernen wirst. Im schlimmsten Fall verletzt er Dich oder Du bekommst sogar Angst vor ihm. Das kann böse Auswirkungen auf Dein Selbstwertgefühl haben. Wenn Du den Glauben an Dich verlierst, kann es Dich sogar noch Jahre später beschäftigen. Manche Azubi erleben derart maximalen Mist mit Ausbildungsbeauftragten, dass sie ihr Können komplett in Frage stellen. Lass das nicht zu!

In meinen Seminaren haben mir schon viele Azubis erzählt, wie sie durch die Ablehnung eines Ausbildungsbeauftragten in ihrer Zuversicht getroffen wurden. Das sind andere Geschichten als die üblichen schwierigen Situationen in der Ausbildung. Sie gehen tiefer.

Schwierige Situationen sind ganz normal. Ausbildungsbeauftragte des Grauens nicht. 

Schwierige Situationen gehören zu einer Ausbildung dazu. Auch wenn Du ein Spitzen-Azubi bist, wird es mal zu Missverständnissen kommen. Du lernst auch Abteilungen kennen, in denen es nicht so supi läuft. Manchmal stimmt die Chemie einfach nicht mit dem Team. Alles kein Grund, sich graue Haare wachsen zu lassen. Man kann nicht immer die besten Beurteilungen kriegen, sich nicht mit allen 1 a verstehen und nicht überall jede Menge Spaß haben. Durch schwierige Situationen muss man eben durch.

Doch der Ausbildungsbeauftragte des Grauens hat nichts mit einer schwierigen Situation zu tun. Der Ausbildungsbeauftragte des Grauens lehnt Dich ab. Er mag Dich nicht. Er findet Dich richtig blöd. Das ist eine Extremsituation. Denn Du kannst nichts machen. Es gibt keine Möglichkeit eines klärenden Gesprächs. Keine Kritik, die Du annehmen oder umsetzen könntest. Denn Du hast es nicht nur mit einem unfairen Ausbildungsbeauftragten zu tun – sondern mit einem gemeinen. 

Ausbildungsbeauftragte des Grauens sind oft sehr verletzend. Manchmal tun sie so, als wollten Sie sich konstruktiv mit Dir auseinandersetzen. Aber sie nutzen das Gespräch (und ihre Überlegenheit und Macht), um Dir ein Messer in den Bauch zu rammen. Sie möchten, dass Du einsiehst, dass Du rundherherum unmöglich bist. Sie tun so, als wäre das zu Deinem Besten. Ihrer Grobheit sind sie sich oft nicht einmal bewusst.

Wenn Du mit einem Ausbildungsbeauftragten des Grauens konfrontiert bist (und nur dann), brauchst Du gar nicht erst versuchen, mit ihm „in Ruhe“ zu reden. Du wirst ihn nicht erreichen.  Er wird Dir nicht zuhören, wenn Du gut argumentierst. Er wird nicht ins Grübeln kommen, wenn er Deine Verletztheit sieht.

Trotzdem ist „in Ruhe“ das Stichwort. Versuche, die Ruhe zu bewahren. Ausbildungsbeauftragte des Grauens sind manchmal darauf aus, dass die Dinge eskalieren. Reagiere nie spontan auf das, was der Ausbildungsbeauftragte des Grauens Dir vor die Füße wirft. 

Wenn er Dich attackiert, Deine Arbeit in der Luft zerreisst, Deine Persönlichkeit abwertet, Dir Böses unterstellt – gehe nicht auf die emotionalen Angriffe ein. Versuche auf der Sachebene zu bleiben. Das ist enorm schwierig, weil es in Dir brodelt und kaum mehr Platz für rationale Gedanken bleibt.

Manche Menschen reagieren bei Angriffen automatisch mit Gegenangriffen. Dann gehts richtig rund. Andere Menschen sind geradezu geschockt und starr vor Entsetzen. Wieder anderen schießen sofort die Tränen in die Augen, wenn sie massiv ungerecht behandelt werden. Auf all das wartet der Ausbildungsbeauftragte des Grauens nur. Tu ihm nicht den Gefallen.

gittehaerter_relaxenHilfreich ist ein Mantra. Ein Notfall-Satz, den Du Dir im Vorwege gut überlegst und immer wieder im Geiste aufsagst, wenn Du an den Ausbildungsbeauftragten des Grauens denkst. Zum Beispiel: „Das muss ich erst einmal sacken lassen. Ich mache mir Gedanken und komme auf Sie zu.“ Der Satz sollte zu Dir passen. Also auch in Deiner üblichen Sprache und Wortwahl formuliert sein. Du musst Dein Mantra selber gut finden. Du musst es Dir immer wieder vorsagen. So dass Du auch bei einer Attacke aus dem Hinterhalt ganz automatisch mit Deinem Mantra antwortest.

Danach hast Du erst einmal Zeit. Danach kannst Du Dich soweit fassen, dass Du wieder denken kannst.

Was Du jetzt nicht tun darfst: Dem Angriff des Ausbildungsbeauftragten zu viel Bedeutung beimessen. Ruf Dir in Erinnerung, dass nicht alle Ausbildungsbeauftragten, Dich ablehnen. Du hast schon gute Ergebnisse erzielt. Du bist ein engagierter Azubi. Nur weil einer Dich nicht leiden kann, ist nicht Deine Ausbildung in Frage gestellt. Gib dem Ausbildungsbeauftragten des Grauens keine Macht über Dein Leben. 

Versuch zu sortieren: Worum genau geht es? Hat der Ausbildungsbeauftragte Deine Kompetenz in Frage gestellt? Oder Deine Arbeitsweise? Welche Aspekte Deiner Arbeit werden kritisiert? Was hast Du seiner Meinung nach falsch gemacht?

Und dann frage Dich: Wie bewerte ich das? 

Dabei ist eine wichtige Voraussetzung, dass Du die eigene Arbeit fair und ehrlich beurteilst. Frage Dich auch: Hätte ich diese spezielle Arbeit anders/besser machen können? Manchmal ist das so, denn keiner ist immer total perfekt und immer total bei der Sache.

Und da wären wir wieder beim Anfang: Du musst als Azubi gar nicht immer total perfekt sein. Wenn der Ausbildungsbeauftragte Perfektion von Dir fordert, ist er ein Ausbildungsbeauftragter des Grauens. Er verfehlt seinen Job. Andere Ausbildungsbeauftragte sehen das halbvolle Glas. Dieser das halbleere. Andere Ausbildungsbeauftragte haben Spaß, mit ihren Azubis an der Perfektion zu feilen, dieser nicht. Andere Ausbildungsbeauftragte verstehen, was Ausbildung bedeutet, dieser hat keine Ahnung usw.

Wenn Du hinter die Emotionen und Angriffe schaust, kannst Du auch aus der heftigsten und unsachlichsten Kritik etwas lernen. Vielleicht einfach nur, dass Du mit diesem Ausbildungsbeauftragten auf keinen grünen Zweig mehr kommen wirst oder willst.

Absolut verboten: Reinsteigern. Ja klar, willst Du jetzt eigentlich nur noch eins: Mit den anderen Azubis in der Kantine so richtig über den Ausbildungsbeauftragten des Grauens ablästern. Aber damit gibst Du den schlechten Gefühlen nur noch mehr Raum. Du beschäftigst Dich zu viel mit den Angriffen. Kaust sie wieder und wieder durch. Lernst sie quasi auswendig.

Ganz linke Ausbildungsbeauftragte des Grauens sind übrigens nur zu einigen Azubis furchtbar und verstehen sich mit anderen total gut. Das ist dann richtig schwierig auf die Reihe zu kriegen. Besser also, man setzt sich diesem Druck nicht auch noch aus. Werde nicht zuuuuu ausführlich mit den anderen Azubis. Es ist möglich, dass nicht alle, alle 100%ig das sagen, was Du hören willst.

Überlege lieber, was Du willst – statt an dem Festzuhalten, was Dich verletzt und/oder wütend macht. 

Wenn Du im Angriffsmoment reagierst, dann bist Du emotionsgesteuert. Wie haben schon festgestellt, dass es nicht hilfreich ist. Trotzdem geraten die meisten Menschen wie automatisch in die Defensive: Sie wälzen die Schuld ab oder verteidigen sich oder gehen zum Gegenangriff über:

„Wenn Sie nicht das und das gesagt hätten, hätte ich nicht das und das gemacht…“

„Sie haben aber auch…“

„Wenn ich Ihnen nichts recht machen kann, kann ich´s ja ganz lassen …“

Das bringt Dich alles nicht weiter. Im Gegenteil: So eskaliert die Situation. Die wichtigste Entscheidung ist für Dich: Was will ich jetzt? 

Willst Du durchhalten? Oder Deine Ruhe? Kannst Du noch? Oder nicht? Willst Du dem Ausbildungsbeauftragten des Grauens zum Einsatzende ein Feedback geben? Oder ist Dir das zu mühevoll. Was willst Du jetzt? (Ich muss noch einmal darauf hinweisen, dass wir nicht von ganz normalen schwierigen Situationen sprechen. Sondern von einem Ausbildungsbeauftragten, der Dich doof findet. Komplett doof. Und es Dir auch zeigt.)

Fast immer ist es richtig, nun Deinen hauptamtlichen Ausbilder einzuschalten.

Es geht nicht darum, dass Dein Ausbilder Deine Angelegenheiten klären oder sich einschalten soll. Du wirst stolz auf Dich sein, wenn Du die Situation allein in den Griff bekommst. Durchhalten ist (hinterher) super. Aber Dein Ausbilder sollte dennoch wissen, dass es nicht gut läuft. So kannst Du schon einmal aufhören, Dir wegen der Beurteilung Gedanken zu machen. Und Du hast vorgesorgt für den Fall, dass es zum ganz großen Clash kommt. Dann ist Dein Ausbilder bereits im Bilde und kann schnell reagieren.

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