Reflexion: Ihr Lieblingsohr

Das Nachrichtenquadrat von Friedemann Schultz von Thun eignet sich super, um sich selbst mal wieder zu hinterfragen.

Bei den meisten Menschen ist ein Ohr stärker ausgebildet als die anderen. Man hört Inhalte heraus, die gar nicht explizit gesagt wurden, d.h. man interpretiert. Meist mit der festen Vorstellung: ich weiß ja, dass der das so meint. 

Das kann prima sein. Nämlich wenn wir wirklich wissen, was unser Gesprächspartner „eigentlich“ sagen möchte.

In der Regel weiß unser Gesprächspartner aber besser als wir, was er sagen möchte. Unsere Interpretationen sind oft genug falsch. Man merkt es besonders in Streitgesprächen. Da fällt früher oder später beinahe immer der Satz „das habe ich sooo aber gar nicht gemeint.“

Auf welchem Ohr hören Sie besonders gut?

Stellen Sie sich vor, ein Azubi sagt zu Ihnen im Beurteilungsgespräch: „Mmmh, naja, ich hatte es hier nicht immer besonders leicht…“

Legen Sie diese Aussage unter die Kommunikationslupe: Was sagt der Azubi auf den jeweiligen Seiten der Nachricht?

Sachseite: Was ist vorgefallen? Was hören Sie mit Ihrem Sachohr?

 

Selbstkundgabe: Wie geht es Ihrem Azubi? Was hören Sie mit Ihrem Selbstkundgabe-Ohr?

 

Beziehungsseite: Was hält der Azubi von Ihnen? Was hören Sie mit dem Beziehungsohr?

 

Appell: Was will der Azubi von Ihnen? Was hören Sie mit dem Appell-Ohr?

 

Je nach Prägung fallen Ihnen manche Antworten vermutlich leichter und anderer schwerer.

  • Wer  sachlich orientiert ist, versucht zu verstehen.
  • Wer die Selbstkundgabe abklopft, versucht zu diagnostizieren.
  • Wer auf der Beziehungsseite gut hört, fühlt sich betroffen.
  • Wem der Appell am wichtigsten scheint, reagiert schneller auf das (vermutete) Ziel des Senders.

Warum wir auf einigen Ohren besser hören als auf anderen hat zu tun mit

… unserer Lebensgeschichte

… der Beziehung zum Gesprächspartner

… unseren Vorurteilen

… der Situation

… unserem Selbstbild

… unserer Rollenerfahrung

… unserer Kommunikationskompetenz

… unserer Stimmung

etc

 

Alles gewichtige Dinge, die mehr mit uns als mit unserem Gesprächspartner zu tun haben. Je stärker wir einseitig hören, desto größere Folgen hat das für den Gesprächsverlauf.

Das Sach-Ohr

Wer ein gespitztes Sach-Ohr hat, kann dem Azubi besonders gut helfen, wenn es um Sach-Konklikfte geht. Auch wenn der Azubi ganz durcheinander ist, hilft ein ausgeprägtes Sach-Ohr beim „entwirren“ der verstrickten oder losen Fäden.

Nicht so schön ist das Sach-Ohr, wenn der Azubi

… Trost und Rat sucht

… Vorwürfe und Klagen formuliert

… einen Konflikt mit mir hat

… die Beziehung eine Rolle spielt

Im Extrem führt es zu Gefühlslosigkeit.

 

Das Selbstkundgabe-Ohr

Ausbilder mit großem Selbstkundgabe-Ohr sind für Azubis oft gute Gesprächspartner, weil sie in der Lage sind, die Probleme des Azubis wahrzunehmen, ohne sich gleich Sorgen um ihre eigene Position zu machen. Sie hören als erstes: Meinem Azubi gehts nicht gut und können das gut von sich und der eigenen Rolle im Problem trennen.

Genau da liegt aber auch die Gefahr. Sie werden taub für Kritik von Azubis. „Wie ist der denn drauf, dass der mir jetzt mit so was kommt.“ Damit weisen sie die Kritik von sich weg – das Problem liegt allein bei anderen. Alles wird nur unter der Lupe angesehen: Und was sagt das über Dich. 

Das ist leicht für den Ausbilder und schwer für den Azubi. Im Extrem führt es zu Selbstgerechtigkeit.

 

Das Beziehungs-Ohr

Das weit aufgesperrte Beziehungs-Ohr kann gut für das Klima sein. Die Ausbilder hören sofort, wenn etwas zwischen Ihnen und dem Azubi im Argen liegen.

Manchmal führt das aber auch zu einer Überempfindlichkeit, die den Umgang schwer macht. Die beziehungsorientierten Ausbilder beziehen dann alles, auch vollkommen neutrale Aussagen oder Handlungen, auf sich. Sie fühlen sich dadurch leicht angegriffen oder abgelehnt.

Im Extrem muss man diese Ausbilder wie rohe Eier behandeln. In der Folge erstarrt die Beziehung.

 

Das Appell-Ohr

Wer es allen Recht machen möchte, der hört oft besonders gut mit dem Appell-Ohr. Erwartungen des Gesprächspartners werden sofort erfüllt. Gern auch unausgesprochene Erwartungen, die manchmal nur vermutet wurden.

Ein Ausbilder, der (zu) stark auf die (angenommenen) Appelle seiner Azubis reagiert

… hält die Azubis klein – sie müssen nämlich nichts selbst schaffen

… macht die Azubis abhängig und verhindert Kreativität im Umgang mit Problemen

… läuft in Gefahr, seine eigenen Wünsche zu verleugnen

… überfordert sich (brennt aus)

 

Klasse ist das Appell-Ohr allerdings in Notsituationen. Sparen Sie es sich dafür auf.

 

 

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