Beliebte Stolperfallen für Ausbildungsbeauftragte

Falls Sie gerade erst die Aufgabe des Ausbildungsbeauftragten übernommen haben, habe ich eine schlechte Nachricht für Sie.  Sie werden mit ziemlicher Sicherheit irgendwann irgendeinem Azubi gehörig auf den Schlips treten. Das passiert jedem, der Führungsverantwortung übernimmt. Die gute Nachricht: Einige Fehler haben schon Andere für Sie gemacht. Sie können diese Stolperfallen also getrost umgehen und sich direkt auf das richtige procedere konzentrieren.

 

Projektarbeit nutzen

Rahmenplan beachten

Ohne Schreibtisch gehrt gar nichts

Chemie akzeptieren

Erwartungen formulieren

Duzen oder Siezen?

Erwartungen erwarten

Rückmeldung geben

Eigene Wahrnehmung überprüfen

 

Projektarbeit nutzen

 

Projekte sind eine gute Möglichkeit, die Azubis zu fordern und individuell zu fördern. So viel hat wahrscheinlich jeder schon einmal gehört. Aber Achtung: Nicht jede größere Aufgabe ist ein Projekt. Projekte müssen verschiedene Merkmale aufweisen, z.B. Einmaligkeit und Neuartigkeit oder auch Interdisziplinarität. Erst die komplexe Aufgabenstellung führt dazu, dass der Azubi sich nicht nur Wissen aneignet sondern auch sein Zeitmanagement schult sowie seine Selbständigkeit, seine Kommunikations- und Präsentationsfähigkeit.

Übergeben Sie jedem Azubi gleich zu Beginn seines Einsatzes ein Projekt, das neben den üblichen Aufgaben der Abteilung bearbeitet werden soll. So sind Sie nicht gezwungen, den Azubi fortwährend mit Arbeit zu versorgen (was sehr, sehr stressig sein kann) und der Azubi entkommt nervtötenden Leerlaufzeiten.

Wenn Sie mit Projektarbeit noch nicht vertraut sind, kann genau hier das erste Projekt ansetzen. Lassen Sie Ihren Azubi  die Vorteile und Bedingungen für Projektarbeit in der Ausbildung herausfinden. Lassen Sie ihn nach möglichen Projekten in der Abteilung oder bereichsübergreifend forschen. Bitten Sie ihn, eine Projektdokumentation zu erstellen oder einen Leitfaden für künftige Azubis. Die meisten Abschlussprüfungen laufen heute ohnehin nach diesem Prinzip. Ihr Azubi profitiert also doppelt.

Für die Projektphase sollten Sie Etappenziele terminieren, die von Ihnen kontrolliert werden. Halten Sie sich aber inhaltlich möglichst zurück. Sorgen Sie dafür, dass der Azubi am Ende Gelegenheit zur Präsentation erhält, z.B. vor der gesamten Abteilung. Das mag dem Azubi zunächst gräulich erscheinen. Die damit verbundene Würdigung ist aber wichtig.

 

Rahmenpläne kennen

Vorweg: Ich bin nicht versessen auf Plastiksprache. Einige Wortungetüme des Berufsbildungsgesetzes sollte man aber dennoch schon einmal gehört haben.

Es ist seltsam, wie viele Ausbildungsbeauftragte der Meinung sind, sie sollten den Azubis den eigenen Arbeitsplätze erklären. Das ist nicht der Fall. Oder nur die Kür, für die Sie nicht immer genügend Zeit finden werden. Denn die Pflicht geht vor. Was die Auszubildenden wirklich bei Ihnen vermittelt bekommen müssen, finden Sie im Ausbildungsrahmenplan.

Dort ist detailliert festgehalten, welche Kenntnisse und Fähigkeiten der Azubi benötigt. Übrigens auch für die Abschlussprüfung. Ausbildungsrahmenpläne existieren für jeden Beruf. Schauen Sie auf den Seiten der zuständigen Stelle vorbei (Handelskammer, Handwerkskammer etc.).

Eigentlich sollte zudem in jedem Unternehmen ein interner Ausbildungsplan existieren. Also ein Plan, der die Inhalte des Ausbildungsrahmenplanes auf die betrieblichen Gegebenheiten herunterbricht. Falls Sie keinen internen Ausbildungsplan bekommen haben, gibt es den vermutlich nicht in Ihrem Unternehmen. Oder er ist nicht aktuell. Der interne Ausbildungsplan ist nämlich eine Sisyphusarbeit, immer im Fluss. Deswegen braucht Ihr hauptamtlicher Ausbilder auch regelmäßig ein Update von Ihnen. Einmal im Jahr sollte man gemeinsam überprüfen, welche Inhalte des Ausbildungsrahmenplans Sie aktuell vermitteln (können).

Falls Sie es ganz toll machen wollen, können Sie sich auch noch mit dem Rahmenlehrplan auseinandersetzen. Hierin ist der Stoff der Berufsschule geregelt. Wer Praxis mit Theorie verknüpft, gehört zu den 1A-Ausbildungsbeauftragten und gehörig gelobt.

 

 

Ohne Schreibtisch geht gar nichts

Neben einem Ausbilder zu sitzen und zuzuschauen, überfordert die Azubis und ist – Hand auf´s Herz – nicht besonders spannend. Richten Sie also einen Arbeitsplatz ein. Organisieren Sie vorab, dass Programme genutzt werden können, Passwörter eingerichtet sind und ein Telefonanschluss existiert.

Geht bei Ihnen nicht? Dann sollten die Azubis bei Ihnen nur eingesetzt werden, wenn ein Kollege im Urlaub oder anderweitig abwesend ist.

Sie haben keine Kollegen oder Ihre Kollegen nehmen nie Urlaub? Dann vergessen Sie das mit der Ausbildung für Ihren Bereich. Passive Ausbildung ist schlicht nicht effektiv. Sie können die Inhalte Ihres Bereichs dann besser in einer Schulung oder einem Planspiel für alle Azubis vermitteln.

 

 

Chemie akzeptieren

Machen Sie sich frei davon, dass Sie jeden Azubi gleich gern mögen müssen. Es ist normal, dass man mit dem einen Menschen besser und dem anderen schlechter zurechtkommt. So fühlt sich jeder am wohlsten in Gesellschaft von Menschen, die die eigenen Ansichten teilen. Die Psychologie spricht hier von I-Sharing, dem Teilen des Ich. Dieses Gefühl ist subjektiv und hat nichts mit objektiven Ähnlichkeiten, wie der Biographie oder der sozialen Herkunft zu tun. Und es ist kaum beeinflussbar. Nehmen Sie es also hin, wenn Sie auf einen Azubi treffen, den sie nicht so sympathisch finden. Konzentrieren Sie sich lieber darauf, diesen Azubi so zu behandeln wie andere; das ist schon schwierig genug.

 

Erwartungen formulieren

Haben Sie klare Erwartungen an die Azubis und teilen Sie diese auch mit. Jeder Einsatz sollte mit einem ausführlichen Einführungsgespräch beginnen. Es ist ziemlich schwierig, als Berufsanfänger alle 4 – 6 Wochen in eine neue Abteilung zu kommen. Denn jede neue Abteilung bedeutet eine ganz neue Kultur. Nehmen Sie sich am ersten Tag eine Stunde Zeit und erzählen Sie dem Azubi:

  • Welche Aufgaben hat Ihr Bereich? Ihre Abteilung?  Sie? Erklären Sie es möglichst knapp und vom Großen zum Kleinen.
  • Welche Aufgaben wird der Azubi übernehmen? Wer wird ihn mit Arbeit versorgen? Was soll er tun, wenn nichts zu tun ist? Was, wenn er die Aufgaben erledigt hat? Was, wenn er zu viele Aufgaben bekommt?
  • Welches Verhalten erwarten Sie während des Einsatzes? Werden Sie konkret. Sprache ist ungenau. Ein Azubi kann nicht riechen, was Sie persönlich unter initiativ oder selbständig oder kommunikativ verstehen. Geben Sie lieber klare Beispiele.
  • Wie sehen Sie das mit den Handys? Und der Nutzung des Internets? Wie stehen Sie zum Rauchen? Welche Regeln gibt es in Ihrer Abteilung? Wie sind die Arbeitszeiten? Wann darf der Azubi Pause machen? Welche Kleiderordnung herrscht bei Ihnen? Was ist zum Thema Telefon zu sagen?
  • Welche Erwartungen haben Sie ganz persönlich?

Sie merken schon: Es gibt unendlich viele Dinge, die der Azubi wissen muss, um bei Ihnen nicht unangenehm aufzufallen. Ersparen Sie den Azubis, durch Fehler lernen zu müssen. Haben Sie keine Angst, den Azubi durch zu viele Regeln zu verschrecken. Das Gegenteil ist der Fall. Regeln geben dem Azubi Handlungssicherheit. Von einem Fettnäpfchen ins andere zu treten ist nämlich kein Spaziergang.

 

Duzen oder Siezen?

Schüler dürfen einige Lehrer duzen, aber längst nicht alle. In der Führungsetage wird sich geduzt, die Assistentin aber gesiezt. Oder auch nicht. Bauarbeiter  duzen sich untereinander. Kommt der Architekt auf die Baustelle, heißt es: Sie. Vielleicht. Auch weichen bisherige Branchenunterschiede auf. Nicht alle in den Medien duzen sich. Nicht alle im Handel sagen Sie zueinander. Es lässt sich in keinem Regelwerk mehr finden, welche Anrede die Richtige ist. Wie also Azubis ansprechen?

Tolle Antwort: So, wie Sie wollen.

In die Welt der Stammtischparolen gehört die Vermutung, man würde schneller „Du dumme Nuss“ als „Sie dumme Nuss“ sagen. Das ist in vielen Untersuchungen widerlegt worden. Das Du lässt niemanden den Respekt verlieren.

Anders herum muss ein „Sie“ nicht für Distanz sorgen. Auch wenn man sich siezt, kann man nah miteinander sein.

Wählen Sie also die Anrede, die am besten zu Ihrer Persönlichkeit passt. Mit der Sie sich wohlfühlen. Achten Sie dabei aber höllisch darauf, dass Sie alle Azubis gleich behandeln. Azubis können das Gras wachsen hören und sind schnell mit Überzeugungen wie „der mag den Peter viel lieber als mich“ bei der Hand.

Eine „allgemeine Ansage zum Siezen“ wird den Zeichen der Zeit nicht  gerecht. Regen Sie in diesem Fall eine Diskussion an. Es ist sowieso wichtig, dass die Ausbildungsbeauftragten in regelmäßigen Abständen miteinander reden.

Ebenfalls keine gute Idee : Sie duzen den Azubi, während der Azubi Sie siezt. Damit behandeln Sie den Azubi wie ein Kind. Ausbildung zielt aber gerade darauf ab, die kindliche Rolle abzulegen.

 

Erwartungen erfüllen

Azubis sind unterschiedlich und starten mit unterschiedlichen Erwartungen in die Einsätze. Drei Grundbedürfnisse treiben allerdings jeden Menschen um, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung:

Zunächst das Bedürfnis nach Selbstbestimmung. Das bedeutet, selbst entscheiden zu können und die eigenen Interessen und Ziele verfolgen. Um dieses Bedürfnis zu erfüllen, müssen Sie dem Azubi aktive Aufgaben geben. Wenn Sie vorwiegend passiv, z.B. im Lehrgespräch, ausbilden, stören Sie das Gefühl für Autonomie empfindlich.

Das zweite Grundbedürfnis ist Kompetenz. Damit ist die Fähigkeit gemeint, wirksam zu handeln und Herausforderungen zu bewältigen. Ihre Aufgabe lautet hier, die Kompetenzzone des Azubis zu finden. Sind die Arbeitsaufgaben zu leicht, gerät der Azubi in die Lethargiezone. Die Arbeit wird schleppend und langweilig. Sind die Herausforderungen zu hoch, gerät der Azubi in negativen Stress. Er wird nervös, zerstreut und überdreht.

Das dritte Grundbedürfnis ist Zugehörigkeit. Der Azubi muss sich akzeptiert und geschätzt und mit wichtigen Bezugspersonen verbunden fühlen. Sorgen Sie also für die Integration der Azubis in die Abteilung.

 

Rückmeldung geben

Ausbildung steht und fällt mit Feedback. Zum einen geht es um Lob. Sagen Sie Ihrem Azubi stets sofort, wenn er etwas gut gemacht hat. Honorieren Sie auch Teilerfolge. In Deutschland sind wir nicht unbedingt Weltmeister im Loben. Viele von uns müssen erst einmal daran arbeiten, gedachtes Lob auch auszusprechen. Probieren Sie es doch gleich mal. Dem nächsten Kollegen, der ihnen über den Weg läuft, sagen Sie einfach, was sie gut an ihm finden.

Auch Kritik ist wichtig. Es ist natürlich besonders schwierig, einen jungen, von uns abhängigen Menschen zu kritisieren. Wir haben ihm gegenüber ein natürliches Schutzbedürfnis. Hüten Sie sich aber davor, Kritik zu verniedlichen oder in Beurteilungen immer Bestnoten zu verteilten. Sie entwickeln damit beim Azubi ein übersteigertes Selbstbild. Das bekommt er früher oder später um die Ohren gehauen.

 

Eigene Wahrnehmung überdenken

Wie wir das Verhalten Anderer empfinden, hat viel mit unserer eigenen Persönlichkeit zu tun. Gerade wenn wir von jemandem enttäuscht sind, hängt Einges davon ab, wie wir das Verhalten unseres Gegenübers interpretieren. Es ist hilfreich, sich zu fragen: Könnte es sein, dass ich gerade auf verinnerlichte Erfahrungen reagiere und nicht auf die aktuelle Situation? Ist der Azubi wirklich, wirklich desinteressiert? Oder vermute ich das nur aufgrund seiner Mimik, seines Verhaltens etc.? Wäre es auch möglich, dass er z.B. eingeschüchtert ist oder ein in sich gekehrter Typ?

Anders gesagt: Ob wir einen Indianer oder einen Inuit sehen, liegt an uns!

inuitoderindianer

 

 

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