Should they say you to me?

HolzschnittIch lerne Unternehmen oft über´s Internet kennen. Bevor ich zu einem Erstgespräch in den Betrieb komme, schaue ich mir die Hompages an, die Blogs und Auftritte in Sozialen Netzwerken. Und stelle fest: Wenn es um Ausbildung geht, wird virtuell unheimlich viel geduzt. Viel häufiger als in der realen Arbeitswelt. Dort ist die Frage, ob man sich mit Azubis siezt oder duzt offenbar viel schwieriger zu beantworten.

Die Mutter aller Vorurteile, wenn es um´s Duzen geht: Man sagt schneller „Du blöde Kuh“ als „Sie blöde Kuh“. Diese Annahme können Sie getrost im Verzeichnis der Stammtischparolen ablegen. Sie ist nirgends belegt.

Auch gibt es keine gesicherten Erkenntnisse, dass Siezen eine Distanz schafft. Meinen Erfahrungen nach tut es das nicht (zwangsläufig). Man kann durchaus ein vertrauensvolles und nahes Verhältnis zu jemandem haben, den man siezt. Ebenso kann eine Beziehung von Respekt getragen sein, wenn man sich duzt. 

Was nicht funktioniert ist ein anbiederndes „Du“, weil man irgendwie lässig (oder noch schlimmer: jung) wirken will. Aufgesetzt kann es auch wirken, wenn sehr junge Ausbilder zwanghaft auf dem „Sie“ beharren, in der Hoffnung allein schon durch die Anrede ernster genommen zu werden.

Am besten fährt man noch immer, wenn man authentisch bleibt. Wer die Anrede wählt, die seiner Persönlichkeit entspricht, ist immer auf der richtigen Seite. 

Es gibt Ausbildungsbeauftragte, die Azubis grundsätzlich siezen, sich aber mit dem Rest der Abteilung duzen. Das ist oft  seltsam für die Azubis. Nicht seltsam im Sinne von „total schrecklich“. Sondern seltsam im Sinne von „ich gehörte nicht ganz normal dazu“. Das ist in Ordnung. Denn der Azubi hat ja auch eine andere Rolle als die anderen Teammitglieder. Man darf in diesem Fall nur nicht erwarten, dass der Azubi sich gleichberechtigt fühlt oder so agiert.

Völlig überholt scheint mir die Variante, dass der Ausbilder den Azubi duzt, der Azubi den Ausbilder aber siezt. Interessanter Weise stören sich Azubis gar nicht daran. Besonders die Jüngeren finden es sogar angenehm. Neulich berichtete mir eine Ausbilderin, ihre Azubis hätten Schwierigkeiten sie zu duzen. Ich mache in Seminaren seit einigen Jahren ähnliche Erfahrungen. Seitdem thematisiere ich das zu Beginn des Seminars. Ich lasse die Azubis entscheiden, welche Anrede sie sich wünschen, sage aber dazu, dass es nicht als Einbahnstraße funktioniert. Wir lassen die Azubis in der Kind-Rolle, wenn wir Sie duzen, während wir gesiezt werden. Ausbildung bedeutet aber, die Azubis auf die Erwachsenen-Ebene zu holen.

Ebenfalls keine gute Idee: Manche Azubis duzen und andere siezen. Azubis denken dann, Sie hätten „Lieblinge“. (Und liegen damit vermutlich gar nicht so falsch).

Es gibt Ausbildungsleitungen, die ihren Ausbildungsbeauftragten eine bestimmte Anrede vorschreiben oder zumindest nahelegen. Das finde ich generell nicht so gut, weil es die Führungskompetenz des Ausbildungsbeauftragten beschneidet. Wenn es also bei Ihnen der Fall ist, wäre das doch mal ein schönes Thema für die nächste Austauschrunde mit den Ausbildungsbeauftragten. Sie können dann auch gleich mal prüfen, ob sich Ihre Internet-Auftritte überhaupt mit Ihrer realen Etikette decken.

 

 

 

Keine Kommentare möglich.