Sie dürfen auch mal keine Zeit haben

Hatten Sie ein angenehm entspanntes erstes Quartal? Steuern Sie höchst zufrieden auf die Osterfeiertage zu, weil Sie alle Ziele geplant angehen konnten, Ihre Routine-Aufgaben sorgfältig erledigt haben und darüber hinaus auch noch Zeit für neue Inspirationen blieb?

Nein? Oder sogar: Um Gottes Willen, nein, daran war gar nicht zu denken?

Das überrascht mich nicht sonderlich. Kaum etwas höre ich in den letzten Monaten öfter von Ausbildern als die Unzufriedenheit über den Zeitmangel. Die Personaldecken sind knapp geworden. Die Arbeit hat sich verdichtet. Viele hangeln sich von Tag zu Tag gerade mal durch die brandeiligen Aufgaben.

Und dann sind da noch die Azubis, die über den Tag verteilt auf einen zukommen, um mal „eben kurz“ etwas zu fragen, zu klären oder einfach nur mal „Hallo“ sagen wollen.

Theoretisch ist das ja ganz einfach und den meisten Ausbildern auch klar. Wenn wir 10 Mal täglich aus unseren Aufgaben herausgerissen werden, dauern die Aufgaben ewig. Theoretisch ist es uns klar, dass wir „nein“ sagen müssen. In der Praxis fällt es allerdings vielen Ausbildern schwer, die Azubis abzuweisen. Immerhin sind Azubis keine „Zeitdiebe“ sondern der Sinn ihrer Arbeit. Wenn Sie sich aber auferlegen, immer ansprechbar zu sein, kann das auf Dauer zu massivem Druck werden. Auf längere Sicht läuft man in Gefahr auszubrennen.

Fakt ist: Wenn Sie wie ein Hamster im Rad schuften, müssen Sie einfach auch mal „Nein“ sagen. Es geht nicht anders. Punkt.

Um damit zu beginnen, fragen Sie sich doch einmal, warum das Nein-sagen schwierig für Sie ist. Vielleicht finden Sie sich ja in den folgenden Aussagen wieder, die ich in meinen Seminaren gehört habe.

 

Die Azubis sollen jederzeit auf mich zukommen können

Ja, aber warum denn das?
Sicher, sicher, es gibt Situationen, in denen ein Azubi unbedingt Sie unbedingt sofort braucht. Aber diese Situationen kommen gar nicht so häufig vor. Und sie entsprechen auch nicht der normalen Arbeitswelt.
Wir leben schließlich alle damit, dass unsere Führungskräfte, Kunden, Dienstleister oder Kollegen nicht jederzeit ansprechbar sind. Das dürfen Sie Ihren Azubis auch zumuten. Es ist sogar gut, wenn Azubis das von Anfang an lernen.
Richten Sie für Ihre Azubis eine feste Sprechzeit ein, die ganz für Routinefragen, Berichtshefte, Urlaubsanträge, den netten Plausch etc. reserviert. Dann sind Sie ganz für Ihre Azubis da. Freitag nachmittag eignet sich prima.
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Ich möchte die Azubis nicht kränken.

 

Guter Gedanke. Doch genau besehen, steckt in einem „Nein“ keine Kränkung. Zumindest nicht, wenn Sie Ihr „Nein“ wertschätzend kommunizieren. Etwa: „Tut mir leid, dass ich jetzt keine Zeit für Dich habe. Aber lass mich Dir einen Vorschlag machen…“

 

Ich möchte Zustimmung und Akzeptanz darüber erlangen, dass ich jederzeit ansprechbar bin.

 

Gute Sache: Wer das vor sich selbst zugibt, ist schon mal sehr reflektiert. Das Ganze kann aber zum Bumerang werden. Wenn Sie sich zu viel aufhalsen, können Sie Ihre Wunschergebnisse irgendwann nicht mehr erreichen. Dann nimmt die Achtung der Azubis eher ab als zu.

 

Ich bin doch die/der Einzige, die/der helfen kann.

Das stimmt vielfach. Und macht es noch wichtiger, dass man genau abwägt, wann man „ja“ und wann man „nein“ sagen muss. Da Sie nicht alles immerzu schaffen können, müssen Sie sich auf die wirklich wichtigen Dinge konzentrieren.

 

Ich ticke einfach so, dass ich immer für alle da sein will.

Hier liegen die Gründe oft tiefer, so dass Sie es nicht von heute auf morgen abschalten können. Mittelfristig sollten Sie es aber zumindest in Ihrem Bewusstsein verankern, dass Sie das nicht müssen. Niemand muss immer für alle da sein. Sein Sie lieber mal für sich selbst da: Gehen Sie auf Ursachenforschung. Sprechen Sie mit Familie, Freunden und Kollegen über dieses Gefühl. Sie werden überrascht sein, wie viele Menschen Ihnen den Rücken stärken werden.

 

Wenn der Azubi fragt, ob ich kurz Zeit habe, antworte ich automatisch mit „Ja. Was ist denn?“

Das geht vielen Menschen so. Da hilft nur, sich selbst in die Pflicht zu nehmen. Gewöhnen Sie sich an, vor dem Ja-Sagen innerlich bis 5 zu zählen. Das gibt Ihnen Zeit zum Nachdenken.

Es funktioniert übrigens auch bei Terminanfragen. Wird man gefragt: „Hast Du nächsten Donnerstag Zeit?“, antwortet man manchmal mit „Ja“, weil man Donnerstag Zeit hat. Dabei will man vielleicht am Donnerstag gar nichts mit der betreffenden Person verabreden. Hat man aber erst einmal „Ja“ gesagt, ist die Ablehnung schwierig.

Üben Sie eine andere Antwort ein, etwa „Kommt darauf an, worum es geht.“

 

Meine Azubis erwarten, dass ich „Ja“ sage.

Das haben Sie dann vermutlich selbst dadurch gefördert, dass Sie nie „nein“ gesagt haben. Hier hilft nur Nein-sagen lernen. Vor allem bei unangemessenen oder gedankenlosen Anfragen. Oder bei Bitten, bei denen man ein schlechtes Gefühl hat, wenn man „ja“ sagt.

 

Naja, irgendwie kriege ich es in der Regel schon hin, immer für meine Azubis da zu sein

Wenn das für Sie ok ist, ist das ok. Wenn dabei Ihre eigenen Ziele auf der Strecke bleiben (oder Sie gar keine eigenen Ziele haben), werden Sie fremdbestimmt. Das ist frustrierend auf Dauer. Besser ist es, eigene Prioritäten zu verfolgen. Die sind sowieso die beste Entschuldigung, den Azubi auch einmal zu vertrösten.

 

Bei meinen Azubis schaffe ich es – aber zu meiner Führungskraft kann ich nicht Nein-sagen

Wer nicht nein sagen kann, muss ja sagen. Tun Sie es aber besser unter dem Verweis auf andere vereinbarte Prioritäten. Sagen Sie freundlich, was auf der Strecke bleiben wird, wenn Sie Ihre Zeit anderen Dingen widmen sollen.

 

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Und nun zur Reflexion:

Erstellen Sie eine Liste mit den Personen und/oder Situationen,  in denen Sie zukünftig Nein-sagen wollen.

Finden Sie aussagekräftige Symbole für die Personen und/oder Situationen.

Bemalen Sie  Ihre Ostereier entsprechend.

Und dann essen Sie sie genüsslich auf.

 

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