Übung: Der Aha-Effekt

ErleuchtungDas kennt man ja: Man sagt ein, zwei, drei kurze Sätze zum Azubi. Der Azubi schaut einen an, als habe er verstanden. Vielleicht nickt er sogar oder sagt: „Alles klar.“ Manchmal wundert man sich jedoch. Etwa wenn am Tag darauf deutlich wird, dass der Azubi die Sätze nicht mehr im Kopf hat.

Was das passieren kann? Wir können es ja einmal durchspielen.

Da ich gerade nichts zu Ihnen sagen kann, möchte ich Sie bitten, die folgende Sätze zu lesen. Sie können sie auch laut aussprechen. Aber nur einmal bitte; ganz wie im richtigen Leben:

Zweibein sitzt auf Dreibein und isst Einbein. Da kommt Vierbein und stiehlt Einbein. Zweibein nimmt Dreibein und schlägt damit Vierbein.

Herzlichen Dank. Wir kommen später darauf zurück. (Übrigens: Falls Sie die Übung kennen, verliert sie natürlich ihren Effekt. Dann können sie das Ganze aber an jemand anderen ausprobieren, wenn Sie mögen.)

Kümmern wir uns zunächst um das Gedächtnis. Denn wir wollen ja verstehen, warum unser Azubi sich manchmal drei kurze Sätze nicht merken kann. Unser Gedächtnis ist im Grunde ein Speicher mit Filterfunktion. Informationen müssen die Filter passieren. Das Ganze ist dreiteilig aufgebaut:

 

Ultrakurzzeitgedächtnis

Kurzzeitgedächtnis

Langzeitgedächtnis

 

Auf unser Gehirn strömen über unsere Sinnesorgane pro Sekunde etwa 10 Mrd Informationseinheiten in Form von elektrischen Impulsen ein. Diese gewaltige Menge wird nicht gespeichert sondern schwabbelt in unserem Ultrakurzzeitgedächtnis umher.

Und nicht alle Informationseinheiten werden für Wert befunden, zum Kurzzeitgedächtnis vorgelassen zu werden. Im Bruchteil von Sekunden entscheidet unser Ultrakurzzeitgedächtnis: Ist diese Informationseinheit wichtig, damit ich hier weiterarbeiten kann? Welche Information brauche ich in diesem Moment, um diesen Text zuende zu lesen? Und nebenbei zu atmen? Vielleicht auch noch meinen Kaffee zu trinken?

100 Informationseinheiten schaffen es weiter zum Kurzzeitgedächtnis. Hier können sie zwischen einigen Minuten bis zu mehreren Tagen aufgehoben werden. Wieder lautet die Frage: Was ist für mich wichtig und bemerkenswert?

Im Langzeitgedächtnis schließlich wird noch 1 Informationseinheit pro Sekunde verarbeitet. Die gute Nachricht: Diese Information ist für immer und ewig abgespeichert.

In der Ausbildung sollten wir es dem Azubi so leicht wie möglich machen. Die Information, die wir gern in seinem Langzeitgedächtnis verankert sähen, sollten wir so bemerkenswert wie möglich präsentieren.

72Kleine Zwischenfrage: Erinnern Sie sich noch an die drei Sätze vom Anfang?

Es gibt Menschen, die die Sätze nicht mehr im Kopf haben. Andere wissen sie noch. 

Zunächst einmal natürlich diejenigen, die die Übung schon kannten. Aber die meine ich jetzt nicht. Ich meine diejenigen, die die Sätze zum ersten Mal gelesen haben.

Die Wahrscheinlichkeit, dass man die Sätze behält, ist größer, wenn man solche Übungen interessant findet. Manche fühlen sich von Übungen motiviert. Es bringt ihnen Spaß. Es ist wie ein Wettkampf. Diese Menschen denken: „Wäre doch gelacht. Das schaffe ich.“ Und dann schaffen sie es häufig auch. 

Andere finden Übungen jetzt eher nicht so interessant. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie die Sätze behalten, sinkt.

Wenn wir unserem Azubi etwas beibringen wollen, sollten wir also auch auf seine Persönlichkeit achten. Was interessiert ihn? Wie wecke ich sein Interesse?

Manche, die die Sätze jetzt noch wissen, werden sie bis morgen vergessen haben.

Es mag nämlich sein, dass die Einbein-Zweibein-Dreibein-Vierbein-Reihenfolge gut abrufbar im Kurzzeitgedächtnis aufbewahrt wird. Aber morgen ist sie auf einmal futsch. Wir kennen das alle. Es passiert uns zum Beispiel häufig mit Namen.

Und das ist auch beim Azubi so. Es mag sein, dass er uns im Lehrgespräch gut zuhört. Und alles versteht. Aber am nächsten Tag ist es einfach nicht mehr da. Es ist nicht vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis gelangt. 

Das passiert, wenn wir „sinnfrei“ lehren.  Wenn sich der Azubi einzelne, abstrakte Arbeitsschritte (etwa Eingabemasken in SAP) merken soll. Fachworte. Abteilungsabkürzungen. Das alles muss auswendig gelernt werden – und das ist mit einem Mal nicht getan. Es braucht Wiederholungen. Viele.

Besser also Sie zeigen dem Azubi in allem den (verborgenen) Sinn. Wenn er die Systematik versteht, muss er nichts mehr auswendig lernen. Dann kann er sich die Informationen selber herleiten. 

Und nun zurück zu den drei kurzen Sätzen! 

Den verborgenen Sinn in unseren drei kurzen Sätze ist eine kleine Geschichte.  einbein, zweibein, dreibein

 

 

Wie Sie sehen, ist das Einbein ein Hähnchenschenkel. Zweibein ist ein Mensch. Dreibein ein Hocker. Und Vierbein ein Hund. Da Sie das nun gesehen haben, brauchen Sie sich die Sätze nicht mehr zu merken. Sie wissen einfach, was passiert ist. Und können in 10 Jahren noch die Sätze wiedergeben.

 

 

 

 

 

 

 

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