Umwege, Schlenker & Pausen

Ich finde ja, viele Jugendliche sind heute unheimlich auf Erfolg getrimmt. Ein guter Teil richtet schon Schule und Hobby  nach wirtschaftlicher Verwertbarkeit aus.  Es folgen Turboabi, Auslandserfahrung, BA-Studium. Dann ist man mit 22 fertig und bereit für Führungsaufgaben. Es ist beeindruckend. Aber auch ein bisschen schade.

Ulkigerweise beobachte ich in Betrieben einen gegenläufigen Trend. In der Wirtschaft scheint man gar nichts gegen Umwege zu haben. Im Gegenteil, dort wird der Blick über den Tellerrand zunehmend befördert. Bildung funktioniert eben nicht auf Knopfdruck. Sie braucht Zeit. Besonders die persönliche Entwicklung.

Viele Betriebe ermöglichen ihren Azubis, sich diese Zeit für Umwege, Schlenker und Pausen zu nehmen.

Auslandsaufenthalte sind längst nicht mehr die Ausnahme.

Für internationale Unternehmen sind Einsätze im Ausland beinahe eine Selbstverständlichkeit. Neben Sprachkenntnissen und dem Kennenlernen einer Kultur profitieren Azubis vor allem vom Zuwachs persönlicher Kompetenzen. Ganz allein im Ausland: Da wird man selbständig und selbstbewusst.

Kosten: Manche Unternehmen finanzieren Auslandaufenthalte komplett. Andere stellen nur die Unterkunft zur Verfügung und/oder zahlen die Reisekosten. Aller Erfahrung nach schreckt es keinen Azubi ab, wenn er selbst einen Teil der Kosten übernehmen muss. Sie können helfen, in dem sie schon zu Beginn der Ausbildung einen Finanzierungsplan mit dem Azubi erstellen.

Förderprograme: Wer keine internationalen Kontakte hat, kann auf eine Vielzahl von Programmen zurückgreifen. Das bekannteste auf EU-Ebene ist Leonardo da Vinci, aber es gibt auch viele andere. Eine gute Übersicht finden Sie z.B. bei der IHK München.

Hospitanzen und Praktika: Nicht für das Unternehmen sondern für das Leben lernen wir  

  • Konkurrenz belebt das Geschäft. Immer gut für das gegenseitige Verständnis sind Stippvisiten beim Mitbewerber. Aber auch der Dienstleister oder gute Kunden bieten sich an, um Auszubildende die andere Seite des Geschäfts erleben zu lassen. So schärfen Sie den Blick fürs große Ganze.  
  • Manche Unternehmen lassen ihre Azubis frei entscheiden, ob und wo ein externes Praktikum absolviert wird. Besonders im Rahmen von Zielfindungsprozessen ist es eine tolle Möglichkeit, um vermutete Talente und Traumberufe in der Praxis auszuloten. Je weiter man sich vom eigenen Ausbildungsberuf entfernt desto nachdrücklicher wird das Erlebte.
  • Gruppenerlebnis: Wenn Sie bestimmte Werte transportieren möchten, bringen Sie Ihre Azubitruppe doch mal für einige Tage in einem Altenheim unter. Oder bei einer Reinigungsfirma. Was Ihre Azubis dort erleben, ist zwar oft anstrengend, bringt aber auch Erfüllung und viele Aha-Momente. Die meisten Azubis werden zukünftig sehr dankbar für Ihren Ausbildungsplatz sein.

Exkursionen machen den Unterschied zwischen Ausbildung und Bildung.

Nun schauen wir seit einigen Jahren teils amüsiert, teils mit Schrecken auf die Allgemeinbildung der Schulabgänger. Langsam ist klar: Das Ganze ist ein bisschen den Bach heruntergegangen. Und das ist nicht primär die Schuld der Jugendlichen. Wir können als Ausbildungsbetrieb nicht alles nachholen, was versäumt wurde, aber wir können Angebote machen. Wir können die Jugendlichen an Themen heranführen. Angebote können sein:

  • Kultur: Neulich erzählte Claus Hipp (den vom Babybrei) in der NDR Talkshow, dass er mit seinen Azubis Theater, Oper und Museen besucht. Er möchte ihnen zu zeigen, dass da nicht Schlimmes passiert. Vermutlich würden längst nicht alle seiner Azubis noch einmal einen zweiten Schritt in die Oper setzen. Aber wenn nur einer doch die Kultur in sein Leben integriert, hat sich der Ausflug schon gelohnt.
  • Gesellschaft: Ökologische Betriebe, soziale Institutionen, politische Bildung. Die Möglichkeiten sind unendlich. Wenn Sie in Ihrer Unternehmenskultur bestimmte Werte verankert haben, können Sie Ihre Exkursionen schön danach ausrichten.
  • Wirtschaft: Mir persönlich wäre das nicht genug über den Tellerrand geblickt, aber Ausflüge zu anderen Unternehmen, Kunden, Dienstleistern oder Messen sind viel, viel besser als nichts.

Frei

 

Übrigens: Das alles braucht natürlich Zeit. Darum bin ich auch keine große Freundin vom übermäßigem Verkürzen der Ausbildung. Aber das ist ein anderes Thema.

Kommentar schreiben

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar zu schreiben.