Unterforderung & Unzufriedenheit

IMG_6188Ziemlich oft berichten Azubis in meinen Seminaren von Unterforderung. Besonders häufig sind kaufmännische Azubis unzufrieden mit ihrem Ausbildungsalltag. Meist setzen die Gefühle nach den ersten Ausbildungsmonaten ein. So ungefähr mit Bestehen der Probezeit ist die erste Euphorie verflogen. Je bunter zuvor die Phantasien über den Beruf oder die Branche, desto größer nun die Enttäuschung über die schnöde Realität.

Typische Aussagen enttäuschter Azubis lauten:

  • „Ich dachte, dass ich mehr vom eigentlichen Geschäft mitbekomme.“

  • „Ich hatte nicht erwartet, dass ich so wenig zu tun habe.“

  • „Ich lerne gar nichts sondern bekomme nur Dödel-Aufgaben, die jeder Depp machen könnte.“

  • „Ich werde wie der „dumme Azubi“ behandelt.“

Nach dem ersten Praxisschock hoffen Azubis noch, dass es irgendwann „besser“ wird. Vielleicht hat man ja zum Start nur die langweiligen Abteilungen erwischt. Vielleicht trauen einem die Ausbildungsbeauftragten mehr zu, wenn man ein paar Wochen länger da ist.

Aber dann hören sie von den anderen Azubis, dass es ihnen ebenso ergeht. Sie fühlen sich ebenfalls unterfordert. Und ziemlich schnell kommt die Azubi-Gruppe zu dem Schluss, dass die Ausbildung nicht gerade spannend ist und man sich damit nun mal abfinden muss. Lehrjahre sind eben keine Herrenjahre.

Als Ausbilder wissen wir: Das stimmt so nicht.

(Als Ausbilder wissen wir aber auch: In einigen Abteilungen stimmt das schon.) 

Und wenn ich mal genauer darüber nachdenke, was an kaufmännischen Jobs eigentlich wirklich spannend ist, dann sind es ja auch nicht die herausgelösten einzelnen Tätigkeiten. Ich jedenfalls fülle nicht jubelnd Formulare aus  oder falle in Ohnmacht vor Glück, wenn ich Präsentationen überarbeite oder ewige Excel-Listen pflege.

Was kaufmännische Berufe interessant macht, ist für mich etwas anderes: 

  • Es sind die Kollegen und Geschäftspartner;  die Zusammenarbeit und Interaktion.
  • Es sind einzelne Projekte oder Aufgaben, bei denen man über den Tellerrand hinausdenken kann.
  • Es ist Planung und Organisation; das Gefühl, etwas effektiv auf die Reihe gebracht zu haben.
  • Es ist die kontinuierliche Verbesserung der eigenen Tätigkeiten.
  • Es ist die Möglichkeit, ein Ziel zu erreichen.

Im Wechsel mit anspruchsvollen Tätigkeiten, ist man dann sogar ganz dankbar über die ein oder andere repititve Aufgabe. Es kann angenehm sein, etwas „wegzuarbeiten“ und mal nicht auf Höchstdrehzahl zu denken oder zu arbeiten.

Nur haben Auszubildende häufig keine anspruchsvollen Tätigkeiten und müssen schon froh sein, wenn sie überhaupt etwas zu tun haben. Ihre Realität sieht in der Regel anders aus als unsere:

  • Sie empfinden sich nicht als gleichberechtigte Teammitglieder, weil sie es nicht sind.
  • Sie gehen nicht locker und partnerschaftlich mit den Kollegen um, sondern sind von Unsicherheiten bestimmt.
  • Sie müssen erst einmal die Grundlagen lernen und haben wenig spannende Projekte.
  • Sie haben keine Möglichkeit, ihren Tag selbst zu strukturieren sondern arbeiten fremdbestimmt.
  • Sie bekommen ihre Aufgaben häppchenweise zugeteilt.

Das kann ganz schön frustrierend sein. Besonders für sehr leistungsbereite Azubis.

Als hauptamtlicher Ausbilder können Sie aber Einiges tun, um ein bisschen mehr spannende Wirklichkeit in die Ausbildung zu transportieren:

KalenderVerlängern Sie die Einsätze: Kurze Einsätze = viele Einsätze und es ist natürlich toll, wenn Azubis richtig viele Bereiche kennenlernen. Kurze Einsätze machen es den Kollegen vor Ort aber auch irre schwer, geeignete Aufgaben für die Azubis zu finden. Die Inhalte können dann häufig genug nur in der Theorie behandelt werden. Das ist für beiden Seiten anstrengend und für die Azubis zudem nicht besonders gut zu verinnerlichen. 3 Wochen ist ein absolutes Minimum.

kleine UhrFühren Sie einen jour fixe ein: Treffen Sie sich von Anfang an wöchentlich mit den Azubis (eines Jahrgangs) unter der Überschrift: Kontinuierliche Verbesserung der Ausbildung. Ein fester wöchentlicher Termin scheint viel. Es gibt für Berufsanfänger aber genügend wichtige Themen, dass die Zeit gut angelegt ist. Lassen Sie Azubis selbständig moderieren, Abteilungen präsentieren, Verbesserungsvorschläge formulieren, Ergebnisse protokollieren und sich organisieren. So entwickeln Sie ein sich selbststeuerndes Team. Anfangs müssen Sie natürlich als Impulsgeber fungieren. Nach 1 – 2 Monaten können Sie sich dann langsam rausziehen und nur noch sporadisch, etwa monatlich oder zu bestimmten Themen, auftauchen. Geben Sie den Azubis auch die Möglichkeit, die Austauschrunde im Laufe der Ausbildung in größeren Abständen durchzuführen oder ganz abzuschaffen.

SternBieten Sie Sonderprojekte an: Die meisten Ausbilder-Themen eignen sich hervorragend, um von Azubis aufgearbeitet, verbessert oder initiiert zu werden. Azubi-Marketing, Azubi-Auswahl, Internet-Auftritt, Azubi-Blog, Facebookseite, Einführungswoche, Exkursionen, Überprüfung des Ausbildungsplans, Planung der Weihnachtsfeier … das sind alles Themen an denen  Azubis sehr interessiert sind. Und ausnahmsweise sind sie hier sogar kompetenter als andere, weil sie die Zielgruppe am besten kennen. Oberste Priorität hat natürlich immer die Ausbildung in den Abteilungen. Dringende Aufgaben eignen sich darum weniger. Achten Sie darauf, dass die Azubis sich nicht übernehmen. Das Ganze darf auch keinen Zwang darstellen oder zur Konkurrenz auffordern. Es soll lediglich ein zusätzliches Angebot sein.

TVAktivieren Sie zum permanenten Lernen: Es gibt viele Online-Kurse, die sich prima in den Arbeitsalltag einfügen lassen. Das können persönlichkeitsbildende wie auch fachliche Themen sein. Sie können auch einen eigenen Selbstlernkurs entwickeln, den die Azubis in Leerlaufzeiten bearbeiten können. Besonders gut läuft das, wenn es zu einem bestimmten Thema nach einiger Zeit ein Präsenz-Seminar gibt, bei dem die Azubis ihre Erkenntnisse austauschen.

kostenlosUnterstützen Sie die Ausbildungsbeauftragten: Aus meinen Seminaren weiß ich, dass viele Kollegen in den Fachabteilungen den Azubis gern mehr ermöglichen würden, aber aufgrund ihrer Rahmenbedingungen nicht können oder einfach ein paar Inspirationen brauchen. Oft ist es auch schon hilfreich, die Situation der Azubis noch einmal zu erklären und die Ziele einer Ausbildung genauer zu definieren.

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