Übung: Sind Sie (zu) streng?

strengDie eine ist es. Der andere nicht. Und das ist auch gut so. Strenge ist eine Charakterfrage oder Sache der inneren Haltung. Solange Sie gerecht sind, ist alles in Butter. Auszubildende profitieren nämlich durchaus von strengen Ausbildern. (Sie profitieren auch von milden, aber das ist ein anderes Thema).

Das Positive an der Strenge: Mit ihr geht zumeist Klarheit einher. Die Azubis wissen genau woran sie beim strengen Ausbilder sind. Das gibt Handlungssicherheit. Besonders zu Beginn der Ausbildung oder für sehr junge Azubis ist das hilfreich.

Strenge Ausbilder haben hohe Anforderungen. Nicht nur an andere sondern auch an sich selbst. Sie erledigen ihre Managementaufgaben häufig besonders gründlich. Die Azubis können sich über anspruchsvolle Tätigkeiten und reibungslose Abläufe freuen.

Es gibt aber auch einige Situationen, in denen Strenge kontraproduktiv wirkt. Hier gilt es, sich hin- und wieder zu überprüfen.

Ungerecht – zu streng – geht es manchmal in Azubi-Beurteilungen zu.

Dann hört man Aussagen wie diese:

„Die beste Bewertung gibt´s bei mir generell nicht. Da müsste ein Azubi schon so gut wie ein gestandener Mitarbeiter sein.“

Oder auch:

„Im ersten Ausbildungsjahr kann man die beste „Note“ noch nicht bekommen. Man braucht schließlich noch Luft nach oben.“

Diesen Aussagen liegt ein klassischer Beurteilerfehler zugrunde. Beurteilungen stellen kein Notensystem dar wie in der Schule – sondern ein Entwicklungsinstrument. Die Beurteilung setzt dem Azubi Ziele und prüft deren Erreichung ab. Ein feiner aber superwichtiger Unterschied.

Die beste Bewertungsstufe muss für die Azubis erreichbar sein. Ist sie es nicht, haben die Azubis auch keine Motivation sich danach zu strecken. Man muss sich ja nur einmal vorstellen, wie es einem selbst ginge, wenn Ihre Führungskraft im Jahresgespräch sagt: „Dies sind Ihre Ziele. Ich habe sie so formuliert, dass Sie sie nicht erreichen können.“

Klar, die beste Bewertung bedarf durchaus außergewöhnlich guter Leistungen. Es geht nicht darum, einem „normal guten“ Azubi Bestleistungen zu bescheinigen (Dies wäre ein typischer Milde-Fehler, aber das ist ein anderes Thema). Die Ziele sollen anspruchsvoll sein. 

Teilen Sie die Ziele dem Auszubildenden konkret mit. Und zwar im Einführungsgespräch zu Beginn des Einsatzes. Belegen Sie mit praktischen Beispielen, was Sie meinen. Mit Beispielen, die wirklich bei Ihnen im Arbeitsalltag vorkommen. So versteht der Azubi, was er tun muss, um die beste Bewertung zu erreichen. Sie versetzen ihn damit in die Lage, zielgerichtet an einer guten Beurteilung zu arbeiten.

Wenn Sie all das tun, ist Ihr strenger Blick auf die Arbeitsergebnisse gerecht.

Sie wissen gar nicht so genau, ob Sie einen strengen Blick haben?

44Dann lade ich Sie zu einer kleinen Übung ein. Stellen Sie sich vor, die untenstehende Aufgabe hat Ihr Azubi gelöst und Ihnen zur Kontrolle vorgelegt. Tun Sie das. Kontrollieren Sie. Und notieren Sie kurz auf einem Schmierzettel, zu welchem Ergebnis Sie kommen.

 

 

 

22 X 8 = 176

 

945 – 613 = 332

 

156 : 12 = 13

 

458 + 266 = 734

 

 

 

Haben Sie Ihre Gedanken notiert? Das ist wichtig, sonst funktioniert die Übung nicht. Ich warte noch einmal ein wenig.

 

 

 

 

 

Falls Sie sich daran stören, dass Sie eine derartige Aufgabe niemals vergeben würden: Es ist nur ein Beispiel. Sehen Sie das Ganze abstrakt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jetzt kommt die Auflösung. Es gibt Ausbilder, die automatisch denken: Oh, da ist ein Fehler. 458 + 266 sind 724 und nicht 734.

Solche Ausbilder gibt´s.

Und es gibt Ausbilder, die automatisch denken: Nicht schlecht. Der Azubi hat drei Aufgaben richtig gelöst und eine falsch.

 

Die zweite, wertschätzende Sichtweise ist die empfehlenswerte Sichtweise für Ausbilder. Teilerfolge sollten als Erfolge angesehen werden. Knapp vorbei ist zwar daneben – aber eben auch dicht dran. Das müssen wir den Azubis immer wieder sagen. Besonders denen, die selbst sehr streng mit sich sind.

Nach dem Fehler zu suchen, ist aber auch Teil unserer Kultur. Zum Großteil wurden wir so erzogen. Es ist gar nicht so leicht es abzulegen. Seien Sie also nicht zu streng mit sich, wenn Sie einen Strenge-Fehler bei sich feststellen. Allein die Tatsache, dass Sie ihn wahrnehmen, ist ein Erfolg!

 

 

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