Vom Umgang mit der Zeit

Immer mal wieder begegnen mir potentielle Auftraggeber, die sich mehr Inhalt in weniger Zeit wünschen. Für mich nenne ich sie die Damen und Herren von der Zeitsparkasse. „Unsere Mitarbeiter sind total fix“, sagen sie. „Die brauchen keinen ganzen Seminartag für Thema X, das geht bei uns auch in einem halben.“

Wenn man den Damen und Herren von der Zeitsparkasse glauben mag, kann man 15 Ausbildungsbeauftragten in 4 Stunden alles über die Arbeit mit Auszubildenden nahebringen. Oder 18 Azubis in einem Tag zu kundenorierntierten Vertriebsprofis machen.

Zeitsparer glauben nicht an das Konzept von Frühstücks- und Kaffeepause. Diskussion finden sie überflüssig. Für das Mittagessen reichen 30 min dicke. „Und eine Vorstellungsrunde? Ach, was! Wozu das denn? Die kennen sich doch alle untereinander.“

In meinen Anfangsjahren habe ich solche Aufträge einige Male angenommen. Danach war ich regelmäßig frustriert. Natürlich kann man in schnell getakteten Veranstaltungen die Teilnehmer euphorisieren. Aber ohne Reflexion gibt es keine Verhaltensänderung. Und damit ist für mich das Seminarziel verfehlt.

Andererseits fürchte ich auch die Veranstaltung, die zu großzügig bemessen sind. Wenn längst bekannte Inhalte ins Endlose ausgewalzt werden und Diskussion sich im Kreise drehen.

Wie so oft im Leben kommt es auf eine gute Mischung an. Ein Seminar muss genügend Zeit für intensive Auseinandersetzung mit dem Thema bieten. Gleichzeitig muss sorgsam mit der Zeit umgegangen werden.

 

  • Im Hinblick auf Nachhaltigkeit bietet es sich an, den Tag in 90-Minuten Einheiten aufzuteilen. Nicht nur weil Azubis die 90-Minuten aus der Schule gewohnt sind. Es ist auch die Zeit, die wir  bei der Sache bleiben können. Danach sinkt das Leistungsniveau und es ist eine Pause zur Regeneration angesagt.
  • Gut, wenn das Seminar mit einem Warm-up beginnt; ganz wie beim Sport. Nur sind es hier quasi die Gedanken, die geschmeidig werden sollen. Wenn Sie den Teilnehmern Zeit geben, um sich ein persönliches Seminarziel zu setzen, werden sie es Ihnen mit zielorientierter Arbeit danken.
  • 15 Minuten für je eine Kaffeepause am Vor- und Nachmittag sind ausreichend. Die Mittagspause sollte mit 90 Minuten großzügig ausfallen. Sie dient nicht nur der Erholung sondern auch dem Gespräch mit den anderen Teilnehmern und der Reflexion des bisher Gelernten. Azubis sind häufig noch in der Rolle des Schülers verhaftet. D.h. sie lernen nur, wenn sie unbedingt müssen. Darum ist es hilfreich, wenn Sie Reflexion-Übungen für die Mittagspause ausgeben. Andere Azubis sind schüchtern. Ihnen tun Sie einen Gefallen, wenn Sie Kennenlern-Übungen für die Mittagspause vorbereiten.
  • Moderieren Sie Diskussionen konsequent. Ermuntern Sie die Teilnehmer mit offenen Fragen, neue Gedanken zu entwickeln. Azubis versuchen manchmal zu gefallen und formulieren Sätze, von denen sie glauben, dass Sie sie hören wollen. Diese Diskussionen sind blutleer und langweilig. Ein Großteil des Plenums schaltet dann ab.
  • Als Faustregel gilt: Gruppenarbeiten sollten 45 – 60 min dauern. Sie müssen allerdings gut anmoderiert werden. Hier gilt das Gleiche wie in den Diskussionen: Wenn Azubis lediglich abspulen, was allgemein bekannt und moralisch erwünscht ist, sind sie in Null-Komma-Nichts fertig. Man spricht hier von Stammtischergebnissen. Erst wenn alle Stammtischgedanken ausgesprochen sind, entsteht in der Regel das Neue. Schauen Sie während der Arbeitsphase immer wieder bei den verschiedenen Gruppen vorbei und ermuntern Sie zur intensiveren Auseinandersetzung.
  • Wenn Sie merken, dass die Konzentration im Raum nachlässt, bauen Sie Bewegungsübungen ein.
  • Beenden Sie den Seminartag mit einem entspannenden Cool-down, damit die Azubis in ruhiger und gelöster Stimmung in den Feierabend gehen können.

 

 

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