Reflexion: Welcher Beurteilertyp bin ich?

In einer idealen Arbeitswelt bekämen alle Ausbildungsbeauftragten ein tolles Seminar spendiert, um zu lernen, wie man Azubis professionell beurteilt. In der realen Welt ist selbst ein guter Teil der Führungskräfte nicht topfit im Umgang mit Mitarbeiterbeurteilungen.

Wer selbst schon einmal von einer ungeübten Person beurteilt wurde, weiß wie sich das anfühlt. Im besten Fall schmeichelt das Ergebnis oder haut sogar hin. In anderen Fällen wird viel heiße Luft produziert. In besonders üblen Gesprächen entstehen schwere Kränkungen.

Wenn wir keine Fakten zur Hand haben, beurteilen wir mit unserem „gesunden Menschenverstand“. Doch manchmal machen wir dabei Fehler. Das ist ganz menschlich. Um so wichtiger, dass wir uns hin und wieder hinterfragen. Also los:

Welcher Beurteilertyp bin ich?

Wie würden Sie sich selbst einschätzen? Wenn Sie an die letzten Beurteilungen denken: Neigen Sie dazu, eher „nett“ zu sein? Oder sind Sie eher streng? Oder waren Ihre Beurteilungen vielleicht ein bisschen wischi-waschi, also wenig aussagekräftig?

Ich beurteile eher milde.

Trifft diese Aussage auf Sie zu, gehören Sie zum Großteil der Ausbildungsbeauftragten. Das liegt  u.a. am Welpenschutz, den Azubis häufig genießen. Manchmal hat man aber auch noch andere Gründe für seine Sanftheit. Fragen Sie sich:

  • Habe ich schon einmal wissentlich zu milde beurteilt.
  • Warum beurteile ich so milde?
  • Was bedeutet es eigentlich für einen Azubi, wenn er zu milde beurteilt wird?

Wenn Sie Antworten für sich gefunden haben, können Sie hier weiterlesen: Milde-Fehler.

Bei mir kann man die Bestnote nicht erreichen.

Wenn Sie das schon einmal gesagt oder gedacht haben, unterliegen Sie dem sogenannten: Strenge-Fehler. Den sollten Sie unbedingt abschalten.

Ich kreuze meistens die gleichen „Noten“ an. Abweichungen gibt es bei mir selten.

Häufig wird der Maßstab einer Beurteilung nicht in vollem Umfang genutzt. Das ist übrigens unabhängig davon, ob man mit Schulnoten arbeitet, mit Buchstaben oder Smileys. Meistens gibt es eine geringe Zahl von Ankreuzmöglichkeiten, mit denen alle Beteiligten zufrieden sind. Und eine größere Anzahl, die Enttäuschungen und Auseinandersetzung nach sich ziehen.

Reicht die Skala zum Beispiel von 1 – 5 und ist definiert wie in der Schule, werden die Azubi in der Regel mit einer 1 und einer 2 zufrieden sein. Die anderen 3 Noten jedoch „gehen gar nicht“. Damit wird der Spielraum für eine Beurteilung unheimlich klein.

Ja, aber es nun mal so, dass unsere Azubi alle recht gut sind.

Wie schön. Und wie wahr. Es deckt sich mit meinem Erfahrungen. Azubis sind eine engagierte Mitarbeitergruppe. Darum kann man davon ausgehen, dass fast alle recht gut sind.

Aber ehrlich gesagt, kann man sich die Arbeit einer Beurteilung auch sparen, wenn man ohnehin nur jedem Azubi bescheinigt, dass er recht gut ist. Besser wäre hier das gesamte Beurteilungssystem auf den Prüfstand zu stellen.

Ein Beurteilungssystem zeigt den Azubis ihre individuellen Talente und Lernfelder. Leistet ihr aktuelles Beurteilungssystem das nicht, ist es falsch.

Trotzdem… ich weiß irgendwie nie so richtig, was ich ankreuzen oder kritisieren soll. 

Haben Sie schon einmal versucht, sich den Beurteilungsbogen zu eigen zu machen? Es ist im ersten Anlauf arbeitsintensiv und nicht ganz einfach, aber erst wenn Sie die Kriterien mit den Aufgaben und Lernzielen in Ihrer Abteilungen verknüpfen, können Sie ein professionelle Beurteilung erstellen. Dafür müssen Sie sich jedes Kriterium genau ansehen.

Ein typisches Beispiel. Kriterium: Interesse am Ausbildungsinhalt.

  • Fragen Sie sich: Wie kann mein Azubi mir sein Interesse zeigen? Woran erkenne ich zweifelsfrei, dass der Azubi Interesse hat? Welche Erwartungen habe ich?
  • Teilen Sie Ihrem Azubi Ihre Erwartungen mit. Geben Sie ihm ein Ziel. Nur wenn er ein Ziel hat, kann er nämlich an der Zielerreichung arbeiten. Hat er kein Ziel, bleibt es letztlich Zufall, ob er Ihren persönlichen Erwartungen entspricht. Damit hätten wir eher eine Casting-Situation und keine Ausbildung.

Das Herunterbrechen der Kriterien in beobachtbare Aufgaben nennt man operationalisieren. Es ist eine Heidenarbeit. Doch einmal getan, werden zukünftige Beurteilungen fair und gehen leicht von der Hand. Ausführlicher erkläre ich es hier: Sind Ihre Kriterien klar?

Ich mache mir in der Regel kurz vor der Beurteilung meine Gedanken.

Damit machen Sie sich das Leben schwerer als es sein muss. Wer sich kurz vorher Gedanken macht, läuft zudem in Gefahr, lediglich einen subjektiven Eindruck weiterzugeben. Dabei bekommen in der Regel Ereignisse vom Beginn und Ende des Einsatzes eine zu hohe Bedeutung. Denn in diesen Phasen neigen wir dazu, besonders genau hinzuschauen.

Leichter und objektiver wird das Ganze, wenn Sie sich alle paar Tage auf einem Zettel notieren, was Sie konkret beobachtet haben. Wie waren die Arbeitsergebnisse? Welches Verhalten ist Ihnen aufgefallen? Wann hat der Azubi Sie beeindruckt oder zum Nachdenken gebracht?

Beschreiben Sie das Verhalten anstatt es zu interpretieren. Also nicht: Du warst am Telefon unsicher. Sondern: Mir ist aufgefallen, dass Du im Telefonat mit Herrn X ins Stocken geraten bist.

Je mehr konkrete Beispiele Sie am Ende haben, desto besser kann Ihr Azubi Ihre Beurteilung auch nachvollziehen.

Der Beurteilungszeitraum ist viel zu kurz. Ich muss mir manchmal regelrecht etwas aus den Fingern saugen.

Tun Sie das nicht. Wenn Sie nichts zu sagen haben, haben Sie nichts zu sagen. So einfach ist das. Streichen Sie alle Kriterien, die Sie nicht beurteilen können. Wenn kein Kriterium übrig bleibt, ist das eben so. Erstellen Sie stattdessen eine rein verbale Beurteilung mit allem, was Sie beobachtet haben.

Je öfter Azubis beurteilt werden, obwohl gar nichts beurteilt werden kann, desto weniger ernst nehmen sie das gesamte System.

Es fällt mir schwer, den Azubi zu kritisieren.

Keine Bange. Sie sind in guter Gesellschaft. Azubis zu kritisieren, fällt beinahe jedem schwer. Und das zu Recht. Kritik einzustecken ist gar nicht so einfach. In einer besseren Arbeitswelt würde jeder Ausbildungsbeauftragte ein Kommunikationsseminar spendiert bekommen. In der realen erleben viele Menschen, dass die eigene Führungskraft nicht konstruktiv kritisieren kann.

Trotzdem müssen wir natürlich berechtigte Kritik unbedingt aussprechen. Leichter wird es mit ein bisschen Hintergrundwissen zum klaren und verträglichen Kritisieren.

Unsere Azubis können Kritik nicht annehmen. Sie debattieren ins Unendliche. Es gibt einen Kampf um gute Noten.

In einer bessere Welt würden alle Azubis lernen, wie man Feedback annimmt. Aber geschenkt. Wenn Sie so einen Azubi vor sich haben, sollten Sie gar nicht versuchen, ihn von Ihrer Sicht zu überzeugen. Stellen Sie lieber offene Fragen, um herauszufinden, warum der Azubi sich besser einschätzt als Sie es tun. Es mag sein, dass an seiner Sichtweise etwas dran ist. Dann bleiben Sie in Ihrer Beurteilung beweglich. Es mag genauso gut sein, dass der Azubi keine Argumente hat. Das wird Ihnen und ihm selbst ganz leicht klar, wenn Sie sich auf die offenen Fragen zurückziehen: Wer fragt, der führt.

Und noch etwas: In manchen Unternehmen werden Beurteilungen als Grundlage für das Abschlusszeugnis verwendet. Es gibt sogar Betriebe, die die Übernahme damit verknüpfen. Dann ist es kein Wunder, wenn Azubis in erster Linie gute „Noten“ haben wollen und maximal in zweiter Linie, Interesse an Ihrer Kritik zeigen.

Gut, dass ich heute diesen Artikel gelesen habe. Ich habe da nämlich noch eine Beurteilung seit 2 Wochen offen. 

Vermeiden Sie zukünftig, Beurteilungsgespräche zu verschieben. Ihre Aufmerksamkeit ist den Auszubildenden wichtig. Es kränkt sie, wenn Gespräche auf die lange Bank geschoben werden. Sie fühlen sich dann nicht gesehen. Da gehts ihnen wie uns, wenn Führungskräfte Termine absagen, verschieben, nicht ernst nehmen.

Da waren ein paar gute Tipps dabei. Das hätte ich mal vorher wissen sollen. 

Ja, ja, die Sache mit der besseren Welt. 🙂

Aber nun wissen Sie ja mehr. Vielleicht mögen Sie Ihren Kollegen davon bei der nächsten Austauschrunde berichten. Oder schicken Sie sie doch gleich hier vorbei. Ich würde mich freuen.

ohneNetz

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