Wenig Zeit – viel Inhalt

Letzte Woche habe ich ein Feedback-Seminar mit Auszubildenden durchgeführt. Wir wollten zweieinhalb Tage üben, Feedback zu nehmen und zu geben und das Erlernte dann auch gleich praktisch anwenden: Mit einer Feedback-Präsentation vor den Ausbildungsbeauftragten. Eigentlich ein guter Plan. Ich habe das ähnlich schon einige Male durchgeführt und gute Erfahrungen damit gemacht.

Wie so oft war es aber auch dieses Mal richtig schwierig, einen Termin zu finden. Die Azubis haben unterschiedliche Berufsschulzeiten, die Konferenzräume im Unternehmen sind überbelegt, die Ausbilderinnen ertrinken in Arbeit und wenn dann auch noch die Ausbildungsbeauftragten mit ins Boot kommen sollen, wird´s eine echte Herausforderung.

Willkommen in der Normalität. 

kleine Uhr

Über den Daumen gepeilt können geschätzte 10% meiner Kunden Weiterbildungsangebote gut planen und durchführen. Bei 90% ist es ein ständiges Ringen um Ressourcen (Budget, Zeit, Raum…)  – und leider oft auch die Motivation der Teilnehmer. Wobei die Motivation eben auch abhängig von den Rahmenbedingungen ist. Durch den ständigen Zeit- und/ oder Ergebnisdruck werden Seminare meiner Beobachtung nach flacher. So dass sich leicht eine Abwärtsspirale entwickelt.

 

Im Prinzip ist uns zwar allen klar, dass Lernen Zeit und Raum braucht. Gerade wenn es um Verhaltensänderung geht. Jeder, der mal versucht hat, mit dem Laufen anzufangen/mit dem Rauchen aufzuhören/ ein paar Kilos abzunehmen… weiß das. Will man sein Verhalten ändern, braucht man Zeit, um sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Erprobungsmöglichkeiten. Feedback. Reflexion und Unterstützung, wenn man mal kurz wieder in alte Verhaltensweisen abrutscht.

Aber in der beruflichen Praxis verhalten wir uns manchmal als wäre es möglich, die Weiterbildungsziele mit Hilfe eines einstündigen Vortrages fest in unsere Köpfe zu implementieren. Das ist es natürlich nicht. Natürlich nicht. Natürlich nicht.

Lernen braucht Zeit.

 ideeMan kann ein Kommunikationsseminar, das auf drei Tage angelegt ist, nicht ohne Qualitätsverlust auf einen Tag eindampfen. Das geht nicht.

Was man aber mit Qualitätsgewinn verändern kann: Die drei Seminartage auf einen längeren Zeitraum verteilen. Im Feedbackseminar haben wir uns entschieden, die Seminartage im 6-Wochen-Rhythmus stattfinden zu lassen.

Und auf einmal – als ich den Ablauf für die 3 Seminartage strickte – fiel mir auf: Die Zeiten dazwischen sind das Wichtigste. 

Die sechs Wochen zwischen den Seminartagen sind ein richtig guter Zeitraum zur Erprobung der neuen Erkenntnisse. In meinem konkreten Beispiel habe ich den Azubis u.a. in der ersten Präsenzveranstaltung ganz viel Zeit gelassen, um das Konzept „Feedback“ wirklich zu verstehen. Sie sollten z.B. die Feedbackregeln nicht nur abspulen können, sondern verstehen, warum sie als Feedbacknehmer im Beurteilungsgespräch gewissen Regeln einhalten müssen.

Normalerweise versucht man das ja über Übungen zu transportieren. Und das geht auch. Das geht aber vor allem mit sehr reflektierten und gewillten Teilnehmern.  Dabei läuft man immer wieder in Gefahr, dass die weniger reflektierten und gewillten Teilnehmer total an der Oberfläche bleiben. Dann werden Seminare zu Spielplätzen.

Mit unserer neuen zeitlichen Aufteilung können die Azubis sich nun einige Wochen in der Praxis ausprobieren und mal intensiv nachspüren: Wie fühlt sich das eigentlich an, Feedback ohne Rechtfertigung anzunehmen? Was geht in mir vor, wenn ich jemand anderem Feedback gebe und der kontert? Usw Usf. 

Der Unterschied ist, dass die Azubis damit nicht allein gelassen werden. Es wird jetzt noch mal jemand nachfragen.

Ich. 🙂

Sie haben Recht, wenn Sie jetzt sagen: Das wurde früher ja oft ähnlich organisiert. Im Rahmen von Transfertagen.

Stimmt.

Früher waren Follow-ups beinahe selbstverständlich. Aus gutem Grund. 

Und wenn wir schon beim Follow-up sind, können wir uns auch gleich noch mit Warm-ups beschäftigen.

Im Feedbackseminar habe ich den Azubis zur Vorbereitung auf unsere zweite Veranstaltung Hausaufgaben aufgegeben. Dafür habe ich ihnen einen sehr konkreten Fragenkatalog mit auf den Weg gegeben. Sie sollen einige Aspekte Ihres Ausbildungsalltages beobachten und eine kleine Präsentation erstellen. So können wir bei unserem zweiten Treffen sofort mit interessanten Erkenntnissen starten. Dabei ist mir wieder stärker ins Bewusstsein gerückt: Die Zeit vor dem Seminar kann super genutzt werden, um die Teilnehmer einzustimmen.

Häufig ist es ja so, dass man als Teilnehmer vielleicht mal kurz über das Seminar nachdenkt, wenn man die Einladung erhält. Dann holt der schnelle Alltag einen ein und bis zum Seminar verdrängt man dann das Thema (oft verändert sich die anfängliche Vorfreude sogar in die diffuse Hoffnung, es könne „irgendwas dazwischen kommen“, so das man nicht zum Seminar „muss“.) Eine geschickt gestellte Aufgabe vor dem Seminar kann entgegenwirken. Im besten Fall macht sie Lust auf das Seminar und bietet auch schon erste Erkenntnisse. Ich spreche also nicht von der üblichen, drögen Seminar-Vorabfrage, bei der sich Teilnehmer immer wieder gezwungen sehen, sich etwas „aus den Fingern zu saugen.“ Nein, am besten ist es etwas Aktives.

Am Allerbesten etwas, das Spaß bringt. Der Spaß ist ehrlich gesagt in meinem aktuellen Beispiel noch etwas zu kurz gekommen. Ich werde berichten, wenn ich eine zündende Idee habe!

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