Zeit für Azubis


Frage ich Azubis in meinen Seminaren, welche Situationen sie am schwierigsten finden, erwähnen sie ziemlich oft: „Dass keiner Zeit für mich hat.“ Frage ich Ausbildungsbeauftragte, lautet die Antwort: „Dass ich nicht genügend Zeit für die Azubis habe.“

Beide Seiten wissen: Die Personaldecken sind dünn geworden. Beinahe überall. Zeit ist das knappste Gut von allen.

Während wir als erfahrene Arbeitskräfte manchmal gar nicht mehr darüber nachdenken, fällt den Berufseinsteigern das Absurde an der Situation noch auf.

„Ich dachte, ich bin hier, um etwas zu lernen“, sagen die Azubis. 

Und das stimmt ja auch. Genau darum haben die Unternehmen sie eingestellt. Und genau darum haben die Azubis sich auch beworben. Sie wollen lernen. Und dabei möglichst viele praktische Erfahrungen sammeln. Wäre es anders, hätten sie sich gar nicht für eine Ausbildung entschieden. Wollten sie lieber theoretisch lernen, wären sie wohl weiter zur Schule gegangen bzw. hätten ein Studium begonnen.

Auszubildende verstehen in der Regel, wenn ihre Ausbilder sich nicht perfekt um sie kümmern können. Es ist ihnen klar, dass „das Business“ erst einmal vorgeht. Sie sehen ja, was die Kollegen so alles zu tun haben.

Und doch sind sie – gerade zu Beginn ihrer Ausbildung – verblüfft. Oft auch enttäuscht. Und manchmal ordentlich demotiviert. Das ist der Praxisschock. Gern tritt er in den ersten drei Monaten der Ausbildung auf. Glauben die neuen Azubis im August und September noch, dass es mit der Zeit besser werden würde, setzt sich zwischen Oktober und November die Erkenntnis durch: Nee, das bleibt anscheinend so. Offenbar bedeutet Ausbildung oft genug auch „Zeit rumkriegen“.

Als Ausbilder und Ausbildungsbeauftragte können wir das nicht immer ändern.

Manchmal haben wir keine Zeit für die Azubis. Manchmal haben wir keine anständigen Aufgaben. Manchmal wissen und können neue Azubis noch viel zu wenig, um in den ersten Abteilungen praktisch zu arbeiten oder auch nur Fragen zu stellen. 

Das ist so. Wir können uns zwar wünschen, dass unsere Führungskraft das erkennt. Oder am besten gleich die Unternehmensleitung. Damit das Thema Ausbildung organisatorisch irgendwie berücksichtigt wird. Damit wir extra-Zeit dafür bekommen. Aber vermutlich werden das Wünsche bleiben.

Eins haben wir aber selbst im Griff: Wir können die Schwierigkeiten der Azubis wahrnehmen. Ganz bewusst. Und ihnen Verständnis entgegenbringen.

Wenn wir uns nicht genügend um die Azubis kümmern können, dann können wir es zum Beispiel ok finden, dass sie sich dabei nicht gut fühlen sondern überflüssig oder sogar als Störenfriede.

Wenn wir ihnen keine spannenden Aufgaben geben können, dann können wir es ok finden, dass sie die unspannenden Aufgaben auch unspannend finden und sich langweilen.

Wenn wir uns keine Zeit für sie nehmen können, dann können wir es ok finden, dass die Azubis „Dienst nach Vorschrift“ machen und möglichst schnell den Tag hinter sich bringen wollen.

Statt unzufrieden damit zu sein, dass die Azubis „irgendwie nicht motiviert“ sind, können wir erkennen, dass die Rahmenbedingungen eben auch manchmal demotivierend sind.

 Das gibt eine ganz andere Stimmung und kann für die Azubis sehr entlastend sein.

PS.: Ich habe total Glück in diesem Oktober. Ich gebe nämlich ausschließlich Seminare für Azubis. Und da kann ich mir mal wieder so richtig Zeit für sie nehmen. Mal gucken, was sie umtreibt. Ich werde berichten.

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